Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 5 (1920-1921)
- Issue
- Heft 11
- Article
- Der heutige deutsche Antisemitismus
- Date
- 1920-01-01
- Page
- 626 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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Arnold Zweig: von der Nachahmung der Lebensordnung, in der das Volk, welches sie einst hervorgebracht hat, gerade befangen ist — unbeirrt durch die Behauptungen der Völker, sie lebten genau das, was ihnen in ihrer besten Zeit gelang. Diese Aussagen über das eigene Wesen und Leben haben nicht mehr Wert als die des Differenzaffekts über das anderer — folgen sie doch aus dem polaren und notwendigen Pendant zu ihm, das wir, ohne hier mehr davon beschreiben zu wollen, den Zentralitätsaffekt nennen müssen um zu sagen, daß jedes Volk sich leidenschaftlich für den Mittelpunkt des Seins und den Maßstab der Menschheit hält. Halten die heutigen Franzosen, die Soldaten des kontinentalen Kapitals, sich für die legitimen Verfechter der Demokratie und die Erben und Hüter der großen Revolution, so widerspricht dem schon die historische Erkenntnis vom Wesen dieser Revolution als einer sozialen*) und ein Blick auf das imperialistisch-politische Spiel der französischen Exponenten einer Weltanschauung, die wenn nicht Louis Quatorze, so sicher Richelieu beerbt; geben die heutigen Deutschen durch den Mund ihrer Nationalisten sich als Träger des deutschen Geistes aus, der von Wolfram und Eckehart bis Gottfried Keller wirkt, so hat man, gesetzt man sieht die Dinge selbst an, zu lachen: denn Undeutlicheres, Unhumaneres, Beschränkteres und Widergeistigeres als das Erbe der Bismarck, Treitschke, Wagner und Chamberlain hat es hierzulande noch nicht gegeben — man frage nur Nietzsche über cfte Reichsgründung und ihren Geist: den einzigen universalen Deutschen, der zugleich den Bau der Gegenwart noch aus seinen Grundsteinen erstehen sah. Aber es gibt da keine Brücken, nur einen krassen Widerspruch zweier Wirklichkeiten. Die Juden nun haben sich — beiden assimiliert, der einen oder der anderen, in den meisten Fällen aber einem wilden Gemenge von beiden: der modernen für das „praktische Leben" und der alten für das „geistige Leben" und die kulturellen Genüsse. Die Nachahmer des modernen Deutschtums, das gar kein Deutschtum ist und an dessen Entstehen sie, d. h. ihresgleichen vor ein bis drei Generationen ein gerütteltes Maß von Anteil haben, stehen jenseits unserer Beeinflussung, und wenn für ihre Kinder die Umkehr möglich sein sollte, kann sie nur indirekt erweckt werden dadurch, daß in ihnen selbst der Widerspruch auftreibt und von außen, durch die Gelegenheiten des geistigen Lebens, eines günstigen Augenblicks dasjenige zu ihnen kommt, wonach ihr Unbewußtes suchte — ob von deutscher Geistigkeit und aus deutschen Erneuerungen oder aus jüdischen, das hängt dann von Konstellationen jenseits unserer Seh- und Reichweite ab. Wir leugnen nicht, daß wir auch noch mit ihnen und ihrem Abfall solidarisch, ja identisch sind, und indem wir auf ihre Kinder hoffen, beweisen wir das Gegenteil; *) Man kennt diese große Epoche nicht, wenn man nicht den aktuellsten Kommentar zu unserer Gegenwart, die „Geschichte der französischen Revolution" von Fürst Peter Krapotkin, deutsch von Gustav Landauer (Thomas, Leipzig) und Landauers „Revolutionsbriefe** (Rütten und Loening) gut gelesen hatf