Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 5 (1920-1921)
- Issue
- Heft 11
- Article
- Der heutige deutsche Antisemitismus
- Date
- 1920-01-01
- Page
- 625 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Der heutige deutsche Antisemitismus 625 seelische Abhärtung im Verkehr mit sich selbst und mit Ueberlegenen, die man ehrt und die einen lieben; sie ist Bestandteil der Erziehung. Wer aber wagt den Differenzaffekt zum Erzieher des Juden zu proklamieren? Die „Abhärtung", die man hier verlangt, wenn sie nicht jene Skala psychischer Entstellungen, ja Erkrankungen hervorruft, die von der Selbstzergliederung, -zerfleischung, -erniedrigung und -beschimpfung bis zum Selbsthaß und allen Neurosen und Hysterien des unterminierten Selbstbewußtseins und des ohnmächtigen Minderwertigkeitsgefühls geht,*) ist die des hinausgeworfenen Reisenden, welcher unerschütterlich und abgebrüht den Laden wieder betritt, und durch so entwaffnende Gemeinheit siegt — einer schmachvollen Witzblattfigur des jüdischen Lebens; und es fehlte noch, daß jemand ihn uns zum Ideal und Hochziel anbieten dürfte, ohne daß wir ihn kühl und völlig verachten. Es kann sich vielmehr nur darum handeln, jeder jungen jüdischen Generation auch in Deutschland die Wahl offenzuhalten. Jeder jüdische Junge, jedes jüdische Mädchen soll wählen können wohin es gehen will, ob zum deutschen Geiste und Volkstum oder zum jüdischen Sein und Volke. Dies ist unsere Mindestforderung. Hier wird keine Diplomatie getrieben und keine Agitation; unter ausdrücklichem Verzicht auf logisch überzeugende Methode -— denn das Denken kann das Leben nur nachzeichnen, nicht in seinen Entweder-Oders fangen — und Seelenfängerei wird die Mindestforderung des Judentums an die deutschen Juden angemeldet: jeder junge jüdische Mensch muß in den Stand der Entscheidung gesetzt werden können; wenn die großen Entscheidungen seines weltdenkenden und -fühlenden Lebens fallen, muß auch diese frei fallen können: dies darf und soll dem jüdischen Volk von jedem Juden zugestanden werden, selbst wenn er ein noch so überzeugter Liebender des deutschen Geistes ist Denn, dem Geiste der Menschheit sei Dank: zwischen der Wahl der Alten und der der Jungen steht heute der Riß einer neuen Zeit; die Fremdheit zwischen den Generationen hat metaphysischen Charakter angenommen; das sicherste Zeichen einer wirklichen Wendung. Darum dürfen (und können bei kräftigen Individuen) die Väter und Mütter keine Entscheidung mehr vorwegnehmen für Söhne und Töchter. Dein Sohn solltestudieren? Er wählt wahrscheinlich ein Handwerk. Deine Tochter gesichert heiraten? Sieh zu, ob sie -nicht mit einem armen Jungen davongeht oder Gartenbau, Kinderwartung, fremde Sprachen erlernt, um das Leben von einer unverhofften Seite zu packen. 8. Bevor die Mittel — oder das Mittel — angegeben wird, welches zur Freihaltung der Wahl, führt,, muß weitere Klärung der Assimilation versucht werden. Scheiden wir also streng die Hingabe an die Werte einer Kultur **) Man vergleiche nicht ohne gebührende Kritik und einigen Spott Eugen Löwenstein, Nervöse Leute, S, 246 ff.