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Der Jude · 1920-01-01 · Heft 11 · p. 623

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Journal
Der Jude
Volume
5 (1920-1921)
Issue
Heft 11
Article
Der heutige deutsche Antisemitismus
Date
1920-01-01
Page
623 (sequence 3)
Language
German
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Def heutige deutsche Antisemitismus der Burschentag die einzelnen Burschenschaften, ihre Mitglieder so zu erziehen, daß eine Heirat mit einem jüdischen oder farbigen Weibe ausgeschlossen ist"; — hört man den Ton? Weiß man, ohne das läppische Niederwerfen der farbigen Menschen mitzumachen, was diese Burschen bei diesem Satze empfunden haben?*) — und das „Waidhofener Prinzip", dem jüdischen Studenten als solchem die Satisfaktion mit der Waffe zu verweigern, durch die man erst deutscher Gent wird, wird den einzelnen Burschenschaften nahegelegt. Nehmen wir nun den günstigsten Fall: selbst wer genau sieht, wie systematisch alle von den Zentralen nicht ganz unmittelbar kontrollierten deutschen Institutionen im antidemokratisch-alldeutschen Sinne arbeiten: die Gerichte, die Schulen, die Hochschulen, Technikums, Verwaltungen und neunzehn Zwanzigstel der Presse (nicht allein die der Stinnes, Bachem, Girardet, Korn, Wulle, sondern nach ihrem Vorbild die gesamte sogenannte Provinzpresse, deren Einfluß auf das Volk in seiner breitesten Fläche ganz unüberschätzbar ist), wird an eine erfolgreiche Gegenrevolution und eine Restauration oder Wiederherstellung der Monarchien schon deshalb nicht glauben, weil keine Konstellation der europäischen Politik denkbar ist, in der aus dem Trüben die alten Kronen hervorzufischen möglich wäre, und weil die royalistische Propaganda zwar das ganze Bürgertum aber sicher nicht die Arbeiterschaft preußisch oder bayrisch blau zu färben vermöchte. Man wird also die Republik nach dem Vorbild der französischen haben und behalten; auch eine neue sachliche Staatsgesinnung wird sich den Gewaltträumen der Ultranationalen entgegensetzen und in vielerlei Krisen, ruckweise und zögernd wie alle Umformungen von Massengesinnung sich vollziehen, schließlich siegen. Selbst wenn nun, in diesem günstigsten Falle und nachdem die deutsche Besinnung zurückgekehrt ist, diese Jugend zu Funktionären des Staates aufrückt und sich jeder bewußten Durchtränkung ihrer Amtsführung mit antisemitischer und antiproletarischer Gesinnung enthält: der Atmosphäre ihrer Jugenderlebnisse kann sie sich nie entziehen, und ihre Gesinnung selbst kann kein Staat der Welt ihr vorschreiben; vielmehr wird diese Gesinnung um so intensiver die freie und autonome Sphäre durchdringen, die man das Gesellschaftliche nennt. In ihr aber spielen sich alle die unwäg- und unzählbaren Erlebnisse ab, die die Lebensluft eines Staates ausmachen und die unmittelbar auf die Seele des empfindlichen, selbst des gröbsten Menschen wirken; sie allein schon genügen, um Bitterkeit, Verzerrung und selbst leidenschaftliche Verzweiflung in die Herzen der von dieser Gesinnung abgelehnten Menschenart zu prägen**) — wenn nicht die niedrige Eickfelligkeit oder ätzender Selbstverrat davor bewahrt. *) Damit man wisse, was einmal deutsch war: im „Sinngedicht", in jener herrlich empfundenen und erzählten Novelle „Don Correa", schildert Gottfried Keller eine solche »Heirat mit einem farbigen Weibe"; er war kaum ein Bursch ... **) Jakobowskis Roman Werkler der Jude zieht aus diesem Erlebnis sein bescheidenes Teil von Echtheit und Wirkung. 41*

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