Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 5 (1920-1921)
- Issue
- Heft 11
- Article
- Der heutige deutsche Antisemitismus
- Date
- 1920-01-01
- Page
- 622 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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622 Arnold 2weig: Besitz seines Volkes und dessen Wesen, der kleine, indem er sich verkriecht, macht das seine zum Gespött und gibt es, wenn er massenhaft verächtlich wird, der Verachtung preis. Darum hat Gustav Landauer, der tiefste Kenner und hell Liebende des echten Deutschtums, der Wiederentdecker Meister Eckeharts, das jüdische Volk bereichert als er liebte, und darum erniedrigt es der durchschnittliche Großstadtjude und Fluchtassimilant — genau wie zwischen 1700 und 1850 die deutschen »Klassiker das Deutschtum mit seiner bislang schönsten Frucht, dem deutschen Hellenismus, auch klassische Dichtung genannt, beschenkten, während die wilde und platte Imitation des höfischen Franzosentums Fürsten und Bürger der Lächerlichkeit preisgab und das deutsche Volkstum eine Angelegenheit der Kleinbürger und Bauern wurde. Nur daß die Deutschen sich diese Verschüttung schlisßlich leisten konnten, weil sie, unbeweglich auf eigenem Boden lebend, Zeit hatten, während das großstädtische Judentum — und in jeder mittleren deutschen Stadt gibt es ein Inselchen solcher „Großstadt"-juden — unwiderruflich das deutsche Judentum kompromittiert, schwächt und tötet. Weil es einleuchtet, ward hier das Beispiel des großen Menschen gewählt; das, was er mit dem unproduktiven Menschen kleineren Wuchses gemein hat, ist in unserem Falle das Beharren bei sich selbst, seine instinktiv erlebte Wohlgeratenheit, das Edle und Beständige seines Wesens, welche ihm in den vielfältigen Entscheidungen der Tage als durchgehendes Prinzip der Wahl treu bleibt und ihm jede Niedertracht und den Selbstverrat unmöglich macht — das Gegenteil also, nebenbei, von plebejischer Selbstzufriedenheit und platter Trägheit des Geistes. Unter den Juden, die ausdrücklich oder seufzend das Prinzip der Assimilation bekennen, gibt es, das wurde schon gesagt, nicht wenige, auf die diese Kennzeichnung zutrifft; und noch weit mehr Mischformen aus diesem und dem anderen Typus, denn was im Denken sich rein und das Gegenteil ausschließend darstellt, gerade das verbindet im Leben sich am häufigsten. Zu diesen beiden Gruppen von Juden und über sie wird das folgende gesagt: ist diese Assimilation an das Deutschtum wirklich die Stimme des Lebens und einer unhemmbaren Entwicklung? Wird im neuen Reiche der Austausch der Seinsweisen wirklich auf immer breiteren Flächen vor sich gehn, mit der Logik osmotischer Gesetze? und ist wirklich euer Weg unweigerlich vorgezeichnet — vom Judentum weg? Der deutsche Nationalismus war vor dem Krieg und in ihm erst recht imperialistisch, agressiv nach innen und außen; er ist jetzt, ohne etwa jene Richtung aufzugeben, aber bis auf weiteres, bis die Weltlage ihm günstiger ist, agressiv nach innen, das heißt kulturell gerichtet, und mangels anderer Gegenstände antisemitisch. Das bedeutet die Uebertragung jenes deutschösterreichischen Studentenantisemitismus auf das ganze Deutsche Reich, und wir haben ihn schon. Auf dem Göttinger Studententage debattierte man lange, ob der Vertreter sozialistischer Studentengruppen, ein Jude, zu Worte kommen dürfe; auf der Eisenacher Tagung der Burschenschaftler „verpflichtet