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Der Jude · 1920-01-01 · Heft 11 · p. 621

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Jude
Volume
5 (1920-1921)
Issue
Heft 11
Article
Der heutige deutsche Antisemitismus
Date
1920-01-01
Page
621 (sequence 1)
Language
German
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IRI
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ARNOLD ZWEIG / DER HEUTIGE DEUTSCHE ANTISEMITISMUS II. Antisemitismus als jüdische Angelegenheit C. Der jüdische Anteil (Schluß) 6. Notwendig Deutscher sein, weil man das Deutsche liebt und lebt — in der Tat, das Denken des konsequenten Assimilanten ist schon recht assimiliert» in seinen stillschweigenden und ausgesprochenen Voraussetzungen nämlich. Wer zum beliebigen Beispiel hat den Satz bewiesen: man sei was man liebe? Wer auch nur hat ihn aufgestellt und naiv zur Grundlage seines Seins gemacht? Wer anders als der moderne Nationalismus, die Weltanschauung unter dem Winkel des Differenzaffekts! Aber dieser Satz bleibt unbeweisbar, denn er ist eine moderne Albernheit. Nach ihm wären Winkelmann, W. Humboldt, Hölderlin und Nietzsche Griechen, Goethe Römer, Schopenhauer Inder und Strindberg Jude; und, ist die Umkehrung erlaubt, daß man, was man hasse, nicht sei, gäbe es keinen großen Deutschen der klassischen Zeit, der Deutscher wäre: denn von allen sind Ausdrücke ungeduldigster Ablehnung gegen ihr Volk bekannt, Ausbrüche zentralsten Widerwillens gegen die Deutschen. Aber so wenig wir der Einbildung der heutigen national deutschen Jugend entgegentreten werden, wenn sie überzeugt ist, sie besäße das Register schöner Eigenschaften, das sie sich beilegt, so wenig glauben wir ihr darum schon. Was man liebt, das ist man schon lange nicht: dieser Satz hätte heute schon mehr plausibles. Aber auch ihm zu verfallen hüten wir uns. Die Liebe, von der hier die Rede ist, geht auf bestimmte Werte und die Durchdringung des Lebens mit ihnen: über das Sein des Liebenden ist damit noch nichts gegeben. Erst die Haltung, die er bei dieser Verwirklichung einnimmt, entscheidet über seine Qualität: ob er sie voll Hingabe und bewundernd in sein Leben hinzieht, das Angeborene damit bereichernd und von innen her erleuchtend, oder ob er voll Selbstverachtung und gehässig gegen dies angeborene Selbst, immer auf der Flucht vor ihm, in all die Verwandlungen hineinkriecht, die diese Werte ihm bieten, Masken und Verlarvungen der eigenen Ohnmacht: erst mit dieser Fragestellung treffen wir den Nerv des Seins. Und die Antwort ist klar: der große Mensch bereichert das Angeborene, der kleine beschimpft es: der große Mensch vermehrt, indem er sich hingibt, den Heft 11. A.

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