Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 5 (1920-1921)
- Issue
- Heft 10
- Article
- Neues aus der älteren hebräischen Poesie
- Date
- 1920-01-01
- Page
- 617 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Umschau: Literaturgeschichte 617 längst überwunden. Ihre Würdigung der alten Geisteserzeugnisse war reine Verstandesarbeit, Erlebnis war ihnen die Poesie eines Ibn Gabirol oder Jehuda Halevi nicht, wenngleich sie an manchmal übertriebenen Huldigungen für sie nicht sparten. Es nimmt kein Wunder, daß die älteren Uebertragungen wenig Eindruck auf den Leserkreis machten und daß der größte Teil des jüdischen Publikums die großen Namen der alten Dichter nur vom Hörensagen kennt und von ihren Leistungen keinen Begriff hat. Inzwischen ist ein neues Geschlecht erstanden, mit ganz anderen Ansprüchen an unsere Vergangenheit und geistigen Erbgüter. Aus innerer Notwendigkeit sieht das nationale Judentum in unserer Geschichte etwas mehr als alte Mären, es sucht dort die lebendige Wirklichkeit. Wenn man sich jetzt bestrebt, in den inneren Schatz des jüdischen Geistes voll hineinzugreifen, so geschieht es, um dort die ewigen Vibrationen der jüdischen Psyche wahrzunehmen und Antwort auf manche brennende Frage der jüdischnationalen Moderne zu ergründen. Noch ist das innere Erlauschen der Vergangenheit etwas unklar, vielleicht steckt darin eine gewisse Selbsttäuschung, aber eins steht doch fest: jede literarische oder wissenschaftliche Behandlung unserer Vergangenheit muß die Fühlung mit dem zeitgemäßen jüdischen Empfinden aufrechterhalten und darf nicht mehr literarische bezw. wissenschaftliche Vivisektion bleiben. Nur derjenige kann uns in Geist und Geschichte der Vergangenheit einführen, der diese innerlich erfaßt. Von diesem Standpunkt aus möchte ich die neuerschienene Auswahl von Jehuda Halevis Dichtungen begrüßen, die uns Emil Bernhard bietet*). „Dem, der ihn (Halevi) übersetzt hat, ist er Offenbarung geworden" bekennt Bernhard von sich und wir dürfen es ihm wohl glauben. Ursprünglich wollte er die Dichtung des großen sefardischen Sängers kennen lernen, um daraus Anregungen für das eigene Schaffen zu gewinnen, aber je mehr er sich in das Werk des Dichters vertiefte, umso klarer empfand er, daß der vielgerühmte und so wenig gekannte Dichter in seiner vollen Eigenart in die deutsche Sprache übertragen werden muß. Bernhards Diwan ist eine reife Frucht zwölfjähriger, liebevoller Arbeit und schweren Ringens. Bereits das eigentümliche sehr gesuchte und feinkombinierte Hebräisch des sefardischen Dichters durfte wohl manchen gründlicheren Kenner der Sprache stutzen machen, trotzdem hat sich Bernhard in den Stil Halevis eingelebt und eigentliche Schnitzer kommen in seiner Uebertragung nicht vor. Er befleißigt sich, Geist und Inhalt der Dichtung getreu wiederzugeben, und *) Jehuda Halevi, Ein Diwan, übertragen und mit einem Lebensbild versehen von Emil Bernhard, Berlin (Erich Reiß Verlag), dies ist ihm in vielen. Beziehungen gelungen — insofern es überhaupt gelingen konnte. Denn von einer Wiedergabe der Form sefardischer Dichtung kann in der deutschen Sprache keine Rede sein und der Verzicht auf die Form beeinträchtigt sehr die Wiedergabe des Inhalts, da die ursprüngliche, in der Form zum Ausdruck gelangte, innere Symmetrie des Originals dabei verloren geht. Ein lehrreiches Beispiel ist die Komposition „Der Sturm" (S. 115—120), die im Originale aus fünf Teilen zu je sieben gleichmäßigen kurzen Strophen besteht und bei Bernhard sich in fünf Dichtungen verschiedenen Metrums aufgelöst hat, von denen zwei die SiebenzahL der Strophen aufgeben mußten. Es ist eine schöne und ziemlich treue Nachdichtung, nicht ohne Zusätze des Uebersetzers, die sich aber gut in den Rahmen einfügen. An anderer Stelle (S. 30) muß Bernhard das einzige Wort „Draschticha" in zwei Versen: „Ich hab dich manche Stunde gesucht, an manchem Ort" wiedergeben und die anderen drei kurzen Verse des Originals auf zwei deutsche Verse reduzieren; übrigens beeinträchtigt dies wenig die ausgezeichnete, stark vom Geiste Schillerscher Poesie beeinflußte Uebersetzung des betreffenden Gedichtes. Hingegen versündigt sich Bernhard manchmal durch entschiedene Modernisierung "an dem ursprünglichen Geiste der Dichtung. So in der wundervollen Techina Halevis (S. 2.0): „Nun weiß ich nicht zu beten, wie ich wohl beten soll", während das „abodathi w'dathi" des Originals viel mehr als Beten bedeutet. Als Jude konnte auch der Autor die Gottesnähe nicht allein durch Beten erlangen, vielmehr auch durch Gesetzestreue und gutes Schaffen- Oder wenn Bernhard im„Sturm "(S. 115)übersetzt: „Aus Alltagsgrüften steht froh er auf;" Die Alltagsgrüfte sind dem Original fremd und durch falsche Wortverbindung entstanden. Der Dichter wollte nur dem Kerker entspringen, mit welchem er oft genug das Leben in der Galuth vergleicht, während der Tag (nicht Alltag) einem anderen Bilde angehört. Im ersten Gedichte seines Zyklus „Israel" (S. 39) übersetzt Bernhard das adjektivisch bzw. adverbial gebrauchte „Emeth" als Substantiv und verwandelt dadurch die angeredete Person Gottes in die „Wahrheit". Freilich kann er beide Begriffe identifizieren, ganz auf Grund des von ihm mit großem Ungestüm betontenEinflusses suffischer Gedankenkreise (namentlich Gazzalis) auf unseren Dichter, trotzdem liegt im Originale nicht die geringste Notwendigkeit dazu vor, und der Sinn der Dichtung hat sich ganz nutzlos Bei. Bernhard verändert Auch hier sind zwei Worte des Originals zu zwei langen Versen durch eine problematische Interpretation ausgedehnt. In das zutreffend und anmutig im Volkston wiedergegebenen Eliaslied (S. 47) haben sich einige Ungenauig-