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Der Jude · 1920-01-01 · Heft 10 · p. 618

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Jude
Volume
5 (1920-1921)
Issue
Heft 10
Article
Neues aus der älteren hebräischen Poesie
Date
1920-01-01
Page
618 (sequence 4)
Language
German
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6i8 Umschau: Zu den „Memoiren des Ber Bolechower" keiten eingeschlichen. Die „feindlichen Reihen", in die EUjahu flammendes Feuer und Funken hineinwarf, passen wenig zu den an ihn gesandten Obersten des israelitischen Königs und dessen Gefolge usw. Ich könnte diese Stichproben vervielfältigen, will aber nicht durch Aufzählung der oft belanglosen Mängel die Bedeutung der Bernhardschen Arbeit herabdrücken. Sie Ist als gelungene Leistung zu betrachten, die sicherlich ihren Zweck weiteren Kreisen moderner Leser Geist und Inhalt der reichhaltigen Dichtung Halevis zu vergegenwärtigen, nicht verfehlen wird. — Uebrigens hat Bernhard den Dichter stark aus seinem Milieu herausgehoben und oft genug in ein fremdes versetzt. Das sieht man aus dem beigefügten Lebensbilde Halevis. Wir hören da von den 3000 Moscheen Kordovas, an denen sicherlich des Dichters Wiege nicht gestanden hatte, ebenso vom Treiben der Araber und Mauren in Spanien, von dem entscheidenden Eindruck Gazzalis auf unseren Sänger, hingegen kein Wort von dem viel wahrscheinlicheren Eiflusse Ibn- Gabirols, bei dem Bernhard leicht die von ihm auf Gazzali zurückgeleiteten Motive finden könnte. Ueberhaupt ist das Lebensbild sehr „dichterisch" komponiert und darf nicht allzu ernst genommen werden. Spricht ja Bernhard sogar von einem Knaben mit schwarzenHaaren und dunklen feurigenAugen, die über braunen gesunden Wangen leuchteten (S. 135—136). Auch die Odyssee des Dichters ist blosse Phantasie, trotz der reichlichen chronologischen, zum Teil vollkommen aus der Luft gegriffenen Daten. „Der ganze wissenschaftliche Apparat", den „die Art der Veröffentlichung verbot" (S. 160), müßte noch einmal bei Licht betrachtet werden. Die Behauptungen vom übertriebenen Selbstbewußtsein und der Menschenverachtung unseres Dichters (S. 146—147) auf Grund einiger sehr unwesentlichen stilisierten Zitate entsprechen nicht dem echten Bilde des sehr bescheidenen, liebevollen Jehuda Halevis. Bernhard sollte wenigstens einen Ibn Gabirol oder Moses ibn Esra zum Vergleiche heranziehen, dann hätte er unsern Sänger ganz anders gewürdigt. Der Tadel an Harkavys Textausgabe (S. 162) ist unberechtigt, und Bernhard ist dazu überdies nicht berufen. J. N. Simchoni ZU DEN „MEMOIREN DES BER BOLECHOWER« In Heft 5/6 des „Juden« hat Herr Dr. Wischnitzer in einem Artikel „Die Memoiren des Ber Bolechower" die deutsch lesende Judenschaft mit einem Autor bekanntfgemacht, den zu entdecken ich zuerst die Ehre hatte. Aus Gründen, die mir unbegreiflich sind, hat Dr. W. dem Autor, dessen Memoiren er ediert, einen Namen beigelegt, den er bei Lebzeiten nie geführt hat. Er erwähnt zwar gelegentlich auch den Namen Birkental, nennt aber sonst den Mann Ber Bolechower. Wie ich in meiner Abhandlung in der hebräischen Zeitschrift „Haschiloach" Bd. XXXIIL, der leider nur in wenigen Exemplaren nach dem Westen gelangt ist, ausgeführt habe, führte Reb Dow-Ber (so der Vorname) vor der josephinischen Regelung der jüdischen Familiennamen den Zunamen Brezower, wohl nach einemOrtsnamenBerezow oder Brzozöw, deren es mehrere im ukrainischen bzw. polnischen Sprachgebiete gibt. Er stammte wohl aus Bolechöw, verlebte aber seine langen Jahre in seiner Vaterstadt und wurde auch außerhalb ihrer Berezower genannt. Außer der Schrift „Dibre-Bina" lagen mir auch mehrere Briefe vor, die in der Angelegenheit der Publizierung dieses Werkes zwischen seinem Schwiegersohn Dr. Jakob Rappaport aus Lemberg und einigen Rabbinern gewechselt worden sind, und ich fand in keinem die Benennung des Autors als „Bolechower*. Ich habe in Bolechöw selber nachforschen lassen und erfuhr, daß alte Leute noch von einem reichen Manne Salmen Berezower (Birkental) zu erzählen wußten, der einen „Schweizer", d. h. Türsteher, hielt und bei dem hohe Herrschaften aus- und eingingen. Der Name Brezower war also noch um 1840—50 geläufiger als der offizielle Birkental. Im Totenbuch der Chewvre Kadischaist Reb Dob-Ber ben R. Jehuda Birkental, verschieden am 9. Adar II. 5565 (d. h. 1805 und nicht 1810 wie bei W.!) eingetragen. Sein Grabstein war bei Kriegsausbruch auf dem Bolechower Friedhof Abt. IV ZI. 74 noch gut erhalten. Der Name Birkental ist die deutsche Uebersetzung von Brezow. Ich glaube, daß eine josephinische deutsche Kolonie in Galizien diesen Namen als Verdeutschung von Brezow-Brzozöw führt. Die Einführung des Mannes in die Literatur unter einem neuen Namen kann nur Verwirrung stiften. Birkental hat sicherlich auch an die Behörden viel geschrieben, und es werden sich wohl von ihm gezeichnete Eingaben, Vorschläge u. dgl. in den Archiven befinden. Zuletzt muß ich die Bemerkung des Herrn Dr.W. richtig stellen: Dibre-Bina ist kein homogenes religionsphilosophisches, polemisches Werk, wie Dr. W. zu glauben scheint, sondern es enthält auch ein reichhaltiges Material zur Geschichte der Kultur und der sozialen und wirtschaftlichen Lage der Juden in Polen. Es bringt die Frankistenaffäre in ein neues Licht und berührt auch vielfach den Chassidismus und die Haskala. Der Verfasser erzählt überdies vieles aus seiner Jugend. Jerusalem, Chanuka 5681 Dr. A. J. Brawer. Für die Redaktion verantwortlich: Dr. Gustav Krojanker, Berlin. — Jüdischer Verlag, Berlin. — Druck von Zahn & Baendel, Kirchhain N.-L.

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