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Der Jude · 1920-01-01 · Heft 10 · p. 616

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Jude
Volume
5 (1920-1921)
Issue
Heft 10
Article
Neues aus der älteren hebräischen Poesie
Date
1920-01-01
Page
616 (sequence 2)
Language
German
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6iö Umschau: Literaturgeschichte verstand. Es löste sich in eine Unmenge einzelner kleinerer Textausgaben und Forschungen auf, und jeder Versuch einer höheren Zusammenfassung beschränkte sich auf die äußeren und mechanischen Zusammenhänge und vernachlässigte die Entwicklungsmomente und die inneren Konnexe. Jetzt nach einem Jahrhundert dieser Wissenschaft herrscht auf dem ausgedehnten Gebiete ein großes Durcheinander. Man hat die Uebersicht über die unzähligen, in Zeit- und Sammelschriften oder verschollenen Broschüren veröffentlichten Pijjutim und sefardischen Dichtungen, die dem Gesichtskreise neuerer Forscher und Laien gänzlich entrückt sind, vollkommen verloren und besitzt bloß eine äußerst bescheidene Zahl besserer Textausgaben, die nur einen Bruchteil des reichen bereits zugänglichen Materials enthalten. Die neueren Forscher sind oft genug genötigt auf die konventionell gewordenen Wertungen ihrer Vorgänger zurückzugreifen, obwohl jene schon zur Zeit ihrer Entstehung antiquiert waren. Dabei werden noch immer die neuentdeckten Erzeugnisse älterer Dichtkunst, die namentlich seit der in den neunziger Jahren erfolgten Auffindung der „Genisa" in Kairo sehr zahlreich geworden sind, in Zeitschriften zwischen allen möglichen Beiträgen zur Wissenschaft des Judentums untergebracht und damit verurteilt, später unzugänglich zu werden. Durch diese Unzugänglichkeit läßt es sich vor allem erklären, daß eine modernen Forderungen entsprechende Literaturgeschichte des jüdischen Mittelalters pium desiderium ist und noch lange bleiben wird. Die Kriegsjahre haben auch die Studien auf diesem Gebiete zu einem gewissen Stillstand gebracht. Trotzdem wurde manches in verschiedenen Zeitschriften veröffentlicht und erörtert. Einige-Gedichte des Moses ibn Esra erschienen in der sehr kurzlebigen Wiener hebräischen Monatschrift Gebulot (1919). Der Versuch des Autors dieser Zeilen, eine Einleitung in die sefardische Dichtung (in der hebräischen Wochenschrift Hazefira 1918) zu geben, blieb unvollendet. Verschiedenes Material aus der Genisa hat der verdienstvolle Forscher Prof, Israel Davidson in Amerika veröffentlicht. Bereits 1916 erschien das Fragment der versifizierten polemischen Schrift des bekannten Gaons Saadia (gest. 942) gegen den Freidenker Chiwi aus Balch, einen jüdischen Voltaire, der es vor tausend Jahren gewagt hatte, sich über den Talmud und sogar über die Bibel lustig zu machen. Dr. S. Posnansky in Warschau besorgte eine mit hebräischem Kommentar versehene Neuausgabe. Diese Schrift ist mit allen Effekten der gewerbsmäßigen Dichtkunst jener Zeit abgefaßt, und in dem pajtanischen änigmatischen Stil, der dem Spürsinn des Lesers großen Spielraum überläßt, gehalten, sie wimmelt von den üblichen Metaphern, Metonymien und rätselhaften Epitheta ornantia, die zu den Juden auf Umwegen aus der byzantinischen Rhetorik (bzw. Poesie) des frühen Mittelalters gelangten. Sie besitzt einen historischen und philologischen Wert und legt zugleich Zeugnis ab, was man alles zu jenen Zeiten unter dem Begriffe der Poesie verstanden hatte. Weniger wichtig ist die zweite Genisapublikation Davidsons, die „Thekia** des R. Mischael (Jew. Quart. Rev. VIII)). Hingegen bietet sein Fragment des „Machsor Jannai" (erschien 1919) einen bedeutungsvollen Fund. Handelt es sich ja um eines der ältesten Denkmäler der synagogalen Poesie, dessen Autor, der alte Paitan Jannai (spätestens um 600) seit jeher als Bahnbrecher auf seinem Gebiete gegolten hatte, obwohl er von seinem berühmteren Jünger Eleasar b. Kalir in den Hintergrund gedrängt wurde. Jannai soll als einer der ersten jüdischen Dichter sich des Reimes bedient haben. Das veröffentlichte Fragment enthält einen Teil von Jannais „Sabbatordnung" laut einem dreijährigen Pentateuchzyklus, wie er zu Beginn des Mittelalters in Palästina üblich war, aber früh genug durch den einjährigen verdrängt wurde. Der Inhalt der Gebete ist rein halachisch, eine Art poetisches Kompendium zum talmudischen Gesetze, für den Synagogalkultus zubereitet. Juristische Satzungen, allerdings dem Jus divinum zugehörend, sind hier mit dichterischem Flitterwerk versehen und sozusagen in die Poesie hineingeschmuggelt. Uns scheint es eine literarische Unsitte; die Juden und anderen Orientalen dachten darüber anders: ja sogar ein Salomo ibn Gabirol und ein Jehuda Halevi verschmähten es nicht religiöse Vorschriften zu versifizieren und zu „poetisieren". Gewöhnlich wird diese Art Dichtung auf mnemonische Motive zurückgeführt. Die Reimform und Bildersprache soll den Inhalt besser dem Gedächtnisse einprägen. Bei den jüdischen Dichtungen mögen noch andere Motive hinzukommen, so die Religionsverfolgungen in Persien (5 Jh.) und Byzanz (namentlich seit dem 6. Jh.). Justinian verbot den Juden das Studium der Deuterosis, d. h. der „mündlichen Thora", der synagogale Kultus blieb aber unbeanstandet; — und dorthin wurde der verbotene Inhalt verlegt. Später in besseren Zeiten kam diese Dichtungsart aus dem Gebrauch, wobei einige Rudimente (Aboda, Asharoth u. a.) zurückblieben und den Dichtern neue Anregungen gaben. Wiederholt wurden Versuche gemacht, die ältere jüdische Dichtung in moderne europäische Sprachen zu übertragen, um deren Geist und Inhalt weiteren Kreisen zugänglich zu machen. In Deutschland versuchten es mehrere Altmeister der Wissenschaft des Judentums, aber selten paarte sich künstlerisches Empfinden mit ihrem wissenschaftlichen Sinn, in der Regel fehlte auch ihnen der innere Kontakt mit dieser Dichtung, sie schien ihnen

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