Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 5 (1920-1921)
- Issue
- Heft 10
- Article
- Die Kattowitzer Konferenz
- Date
- 1920-01-01
- Page
- 615 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Umschau: Literaturgeschichte 615 Gründen der Vorsicht nicht erwähnt wurden und die Protokolle nicht unterschrieben haben. Rabbiner Mohilewer wurde zum Alterspräsidenten, Dr. Pinsker zum Vorsitzenden, AI. Zederbaum zu seinem Stellvertreter gewählt. Die Verhandlungen gewähren, besonders in der Form des vorliegenden Protokolls, nur geringes Interesse: sie trugen rein philantropischen Charakter, kulturelle Fragen wurden nicht berührt. Die bedeutsamste Rede war die Eröffnungsrede Pinskers, die einzige, die das Protokoll ausführlich wiedergibt, aber sie geht — vom Paiästinensismus abgesehen — nirgendwo über die „Autoemanzipation" hinaus. DennoGh verdient eine Stelle festgehalten zu werden: „Unser vernünftiges Volk wird es begreifen und einsehen, daß vereinzelte, zusammenhanglose Taten, ohne Richtschnur und Ordnung nie zum erfolgreichen Ziele führen werden. Wir müssen es auch wissen, daß ein ganzes Volk seine Physiognomie nicht über Nacht ändert und zu neuem Leben erwacht. Allein, was bedeuten Jahrzehnte für ein altes und doch jugendkräftiges Volk?" Das sind Ansätze einer nationalen Politik, es sind aber in der Konferenz die einzigen. Das Ergebnis der Konferenz war die Gründung eines Verbandes, der zu Ehren des 100. Geburtstages Montefiores den Namen „Montefiore-Verband zur Förderung des Ackerbaues unter den Juden resp. zur Unterstützung der jüdischen Kolonien in Palästina" erhielt. An der Spitze des Verbandes sollte ein Zentralkomitee aus 18 Mitgliedern stehen, in dessen Aufgabenbereich auch die Absendung einer Delegation in die türkische Residenz zwecks Erzielung einer Beseitigung aller Hindernisse für die jüdische Kolonisation in Erez Israel fiel. Als kleine Charakteristika seien hervorgehoben, daß auch auf dieser Konferenz die Frage der Zusammenstellung des Zentralkomitees das größte Interesse hervorgerufen zu haben scheint, daß als zweiter Name neben dem oben erwähnten „Fhilantropiscbe Gesellschaft zum Andenken an Montefiore, zu Gunsten der Kolonisation Palästinas" angenommen wurde, daß auf die Nachricht von Montefiores schwerer Erkrankung alle Anr wesenden unter Rabbiner Mohilewers Leitung sich zu einem Gebet für seine Genesung vereinigten und daß das gesammelte Geld nicht direkt nach Palästina, sondern an Erlanger, Rothschilds Börsenagenten in Paris, gesandt werden sollte, der seine Verteilung in Palästina übernahm. Interessant ist auch die Mitteilung, daß „der Historiker Professor Graetz in Berlin den Chowewe-Zion seine Unterstützung versprach und bereit wäre als Mitglied im Zentralkomitee zu wirken." Auf Antrag des Moskauer Großhändlers W. Wissozki sollte auch ein Fonds für die Entwicklung des Gewerbes im palästinensischen Jischub gegründet werden. Es wurden für ihn 18000 Rubel gezeichnet. Das gewählte Zentralkomitee wurde in seiner Arbeit durch die ständigen Eifersüchteleien zwischen den zwei bedeutendsten Vereinigungen Odessa und Warschau, die sich schon auf der Konferenz geltend gemacht hatten, gestört. 1887 wurde eine zweite Konferenz der Chowewe-Zion nach Druskeniki einberufen. Hier traten die Gegensätze zwischen Orthodoxie und Aufklärung schon vom Beginn an scharf zu Tage. Die Rabbiner, an deren Spitze Hirsch Leb aus Woloschin, der Leiter der berühmten Jeschiba, und sein Sohn Chaim Berlin standen (nur Mohilewer und Reb Mottele Brijsk wahrten in dieser Frage einen versöhnlichen Standpunkt) erklärten, sie würden nur teilnehmen, wenn alle Anwesenden in Kopfbedeckung säßen. Schließlich wurde eine Einigung erzielt, von den Nichtrabbinern saß nur der junge Ussischkin in Kopfbedeckung, der damals als Vertreter der Moskauer Studenten anwesend war. Aber auch die ganzen folgenden Beratungen erfüllte der Gegensatz der alten Aufklärer, an deren Spitze Pinsker stand, und der Rabbiner, deren Wortführer Mohilewer war. Es wurde damals außer der Odessaer und Warschauer Zentralstelle noch eine dritte in Lublin gegründet, wo Meyersohn die Kassaführung des Verbandes verwalten sollte. Aber nur Odessa vermochte unter der Leitung Pinskers und Lilienblums, seines Sekretärs, seine Bedeutung zu erhalten. Doch auch seine Tätigkeit wurde durch die inneren Gegensätze gehemmt. Die Mehrzahl der Chowewe-Zion waren kleinbürgerliche Philister mit krähwinkelhaftem Unverständnis für die Aufgaben der Kolonisation, ein kleiner Teil, die geistige Elite, machte in dem späteren „Bnei Mosche"-Orden Front gegen diese Philistrosität im Namen national-kulturellerTendenzen,und nur ganz wenige, energische und weiterblickende Männer wie Pinsker und Wladimir Temkin, der im ersten großen Jahr der palästinensischen Kolonisation (18901891) der Vertreter des Odessaer Komitees in Jaffa war und als einziger und monatelang mit Erfolg den Kolonisationsstrom großzügig und europäisch zu leiten suchte, erkannten die Aufgabe, waren aber machtlos. Pinsker, damals schon ein Greis, zehrte sich in diesem Kampfe auf. Wie alle jüdischen Führer, hatte auch er Konzeptionen, die sein Volk zu dieser Zeit nicht verwirklichen konnte. Hans Kohn LITERATURGESCHICHTE Neues aus der älteren hebräischen Poesie Das gesamte Gebiet der hebräischen synagogalen und profanen Literatur des Mittelalters ist noch immer Domäne der sogenannten „Wissenschaft des Judentums", die bisher wenig Sinn für die richtige ästhetische Wertung hatte und sich noch weniger auf das Literarhistorische