Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 5 (1920-1921)
- Issue
- Heft 10
- Article
- Brief aus Italien
- Date
- 1920-01-01
- Page
- 611 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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Umschau: Brief aus Italien 6u aber selbstverständlich an der objektiven Falschheit der Lage nichts ändert. 3- Das Erwachen des jüdischen Westens seit dem letzten Jahrzehnt des 19. Jahrhunderts ist auch an Italien nicht ohne Spur vorbeigegangen. Vor allem fühlt man noch bis heute den mächtigen Eindruck, den die Persönlichkeit Theodor Herzls ausübte. Von seinen Besuchen in Italien datieren auch die Versuche, die zionistische Bewegung in Italien fortzupflanzen. Es wurden hier und dort Gruppen gebildet, Zeitungen gegründet, man hat sich auch zu größeren Zusammenkünften aufgerafft Jeder Schritt aber, angefangen von der Uebersetzung des Basler Programms, wo man anfänglich Heimstätte durch Rifugio, Zufluchtsort, übersetzte, rief hartnäckigen Widerstand hervor, vor allem seitens des offiziellen Judentums, ohne daß er durch nennenswerte Sympathiekundgebungen seitens der bis dahin indifferenten jüdischen Kreise kompensiert wurde. Die Gruppen fielen auseinander, die Zeitungen gingen ein, und noch vor drei Jahren waren die Resultate der zwanzigjährigen Tätigkeit recht dürftig. Der ganze italienische Zionismus war auf drei bis vier Männer konzentriert, die keine Erben hatten. Der Krieg hat auch hier eine Wandlung gebracht, es ist aber sehr zu bezweifeln, ob diese Art von Wandlung das italienische Judentum zu erneuern imstande sein wird. Der Zionismus ist mit einemmal aus einer verdächtigen Bewegung, die so bequem des Antipatriotismus, der mangelnden Liebe für das großmütige Italien zu zeihen war*), eine vollständig legale und an höchster Stelle wohlgesehene Strömung geworden; Sokolow vom Papst empfangen und mit Marchese Imperiali im Briefwechsel, Balfour und Pichon als Förderer des Zionismus — das hat den italienischen Juden mächtig imponiert. Und jetzt kann man die auf den ersten Blick seltsame Erscheinung beobachten: dieselben Vertreter des offiziellen Judentums, die nie *) Niemand kann die Tatsache verkennen, daß wir alle keine Juden in vollem Sinne sind und sein können; und niemand wird ohne weiteres eine blitzartige Entwurzelung verlangen, insbesondere bei einem Judentum, wie es das italienische ist. Es ist aber charakteristisch, daß die italienischen Juden, wenn sie gegen den Zionismus als eine anti- oder jedenfalls apatriotischeBewegungpolemisieren, sich nicht auf die italienische Kultur, in der sie aufgewachsen sind, berufen, sondern ausschließlich auf die Großmut Italiens, das die Juden so gut behandelt. Die menschliche Behandlung und die volle Gleichberechtigung wird somit als besonderes Verdienst und verpflichtende Wohltat angesehen. etwas mit dem Zionismus zu tun haben wollten, erklären sich als seine Anhänger, unterzeichnen alle möglichen Memoranden und Eingaben und beteiligen sich aktiv an der zionistischen öffentlichen Tätigkeit; dabei verneinen sie ruhig weiter die Existenz und Existenzberechtigung der jüdischen Nationalität und behaupten noch immer, daß die Juden in Italien vollständige Italiener, auch im nationalen Sinne seien. Und wenn sie sich dennoch als Zionisten erklären, so geschieht es erstens im Namen der Ostjuden und zweitens, weil es sich nun einmal um Staatszionismus, wie das schöne Wort (sionismo dello Stato) heißt, handelt, d. h. um eine Bewegung, die von der italienischen Regierung gutgeheißen wird, und dies Regierungswohlwollen bildet tatsächlich das Hauptpropagandamittel dieser Neuzionisten. Diese neuen Tendenzen scheinen in der letzten Zeit auch organisatorisch im italienischen Zionismus überhandzunehmen, und da sich ihrer in erster Linie die Vertreter des offiziellen Judentums bemächtigt haben, so können sie wohl zu seiner Erstarkung führen, geben aber der Bewegung denselben leidenschaftslosen und öden Charakter, der diesem Judentum im allgemeinen eigen ist. Der Zionismus hat damit jetzt in Italien große Chancen, eine „Massenbewegung" - zu werden, (selbstver* ständlich im Sinne der jüdisch-italienischen „Masse", d. h. er kann diejenigen Juden anziehen, die noch am jüdischen öffentlichen Leben sich beteiligen), wird aber seines Inhaltes vollständig beraubt; die Sammlung für den Keren Hajessod mag größere Aussichten haben, die historische Aufgabe des Zionismus aber wird verfehlt. Wenn man aber wieder gerecht sein will, so muß man gestehen, daß das Schicksal des Zionismus vor dem Kriege (d. h. fast vollständige Erfolglosigkeit der ganzen Propaganda) und seither (d. h. großer Erfolg bei Elementen, die alles andere als psychisch auf Nationaljudentum eingestellt sind) nicht ganz unverdient ist. Damit soll selbstverständlich nicht gesagt sein, daß in Italien niemand mit Eifer und großer Aufopferung zionistisch gearbeitet habe; solche Männer waren während der ganzen Zeit auf ihrem Posten und sie haben auch verschiedenartig Initiative ergriffen, um die Bewegung zu beleben. 'Wenn ihnen dies trotz der Anspannung aller ihrer Kräfte nicht gelungen ist, so liegt der Grund in der Art, in der das Problem aufgeworfen wurde, richtiger gesagt, in dem Nichtaufwerfen des Judenproblems in seiner innermenschlichen Tiefe. Jeder öffentliche Druck fehlte damals, am Anfang der zionistischen Bewegung, noch mehr als es jetzt der Fall ist — man könnte somit weder an gesellschaftliche Zurücksetzung noch an verletztes Ehrgefühl anknüpfen; die Ökonomischen Verhältnisse des italienischen