Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 5 (1920-1921)
- Issue
- Heft 10
- Article
- Brief aus Italien
- Date
- 1920-01-01
- Page
- 612 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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612 Umschau: Brief aus Italien Judentums waren und sind mehr als zufriedenstellend (und es unterliegt keinem Zweifel, daß manches an der Trägheit des hiesigen Nationallebens mit dieser Wohlhabenheit in direktem Zusammenhang steht) — die Judennot kam also als zionistischer Antrieb nicht in Betracht. Man hatte andererseits mit einem tief assimilierten Judentum zu tun. Unter solchen Verhältnissen gab es für die jüdische Bewegung nur einen Weg, der Erfolg hätte verheißen können — den persönlich revolutionierenden. Das, was das offizielle Judentum nicht mehr imstande war zu geben — Lebensinhalte, die den weiten und glänzenden Perspektiven der italienischen und allmenschlichen Kultur standhalten konnten, das mußte vom National]udentum gegeben werden. Anstatt dessen hat der Zionismus die romantisch ausgeschmückte Herzlfigur, ein bischen Lärm mit blauweißer Fahne, den Schekel und einen Zufluchtsort für verfolgte Ostjudeh in Szene gesetzt. Es war wiederum zu wenig, um den Geistesdurst der jüdisch-italienischen Intellektuellen zu befriedigen, und sie zogen es weiter vor an fremden Quellen ihre Nahrung zu suchen, bis das offizielle antinationale Judentum die Unzulänglichkeit des Schekelzionismus, der alles fertig und bereit gab und nichts verlangte, keine Verpflichtungen auferlegte und keine Anforderungen stellte, keine Aufgabe darstellte und kein Problem aufwarf, ausnützte, sich der Positionen bemächtigte und somit jeden Zufluß von frischen Kräften abschloß. Im Zusammenhang damit steht auch der Charakter, den die jüdische Nationalbewegung in Italien annahm. Es ist manchmal schwer zu sagen, worin sich eigentlich ein eifriges Mitglied der zionistischen Ortsgruppe von einem halbassimilierten Juden, der vom Zionismus nichts hören will, unterscheidet. Dieselbe Interesselosigkeit dem Weltjudentum und insbesondre dem Ostjudentum gegenüber; dieselbe Abneigung, sich in die jüdische Geschichtswelt zu vertiefen; dieselbe Selbstgefälligkeit, die nur mehr jüdisch akzentuiert wird und sich als einen naiven Rassenstolz, als eine reizbare Ueberempfindlichkeit kundgibt. Die Juden werden als das höchste Volk der Welt ausgerufen und dabei wird mit der großen Zahl der Talente, die die Juden der Welt gaben, operiert; anderseits wird die geringste Kritik, auch den temporären Erscheinungen gegenüber, seitens der Italiener, sei es auch nur das Hervorheben irgend eines sozialen Phänomens oder irgend einer Persönlichkeit als typisch jüdisch, als Herabsetzung und Verletzung empfunden. Fast unumgänglich ist dann die Gesetzestreue; an der Orthodoxie darf nicht gerüttelt werden, sie muß geschont und außerhalb jedes Angriffes gestellt, ihre Anordnungen befolgt werden. Nicht aber deshalb, weil man die geschichtlich konservierende Aufgabe derOrthodoxie schätzte oder die Empfindlichkeit der gesetzestreuen Juden nicht verletzen wollte, sondern weil man eigentlich die ganze Wurzellosigkeit der ihrer nationalen und menschlichen Inhalte beraubten Bewegung fühlt und, nach irgend einem Halt suchend, auf die Synagoge stößt, wissend, daß wenn auch diese in Stücke geht, der italienische Zionismus seine letzte Existenzberechtigung verloren hat. Wohl gibt es in Italien schwache Sprossen auch eines tieferen Empfindens der Judenfrage, sie sind aber bis jetzt vollkommen von der billigen Phraseologie überschüttet, und doch hängt es von ihnen ab, ob ein neues jüdisches Leben in Italien noch aufkommen kann. Die nationale Bewegung würde hier nur dann Aussicht auf tiefere Wirkung haben, wenn sie sich vollständig vom offiziellen Judentum lossagte, endgültig verzichtete eine Massenbewegung zu werden und in schroffem Gegensatz' zu der Tradition des 19. Jahrhunderts den Mut haben würde, offen und konsequent das individuelle Judenproblem der Wesensverschiedenheit zu stellen; wenn sie, sich der überwältigenden lateinischen Kultur gegenüberstellend, eigene jüdische Wege suchen würde, die allerdings nur für diejenigen taugen, welche die Sterilität der Assimilation, wenn auch halbbewußt, an sich selber fühlen; wenn sie trachten würde, die Gültigkeit der jüdischen Werte wiederzugewinnen für diejenigen, die der Areligiosität des offiziellen Judentums und des offiziellen Zionismus müde sind. Die Zeiten aber, die immer mehr auf eine rein numerische Ausbreitung und finanzielle Stärkung der zionistischen Organisation abzielen, scheinen für diese Arbeit nicht sehr günstig zu sein. Rom Moses Beilinson