Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 5 (1920-1921)
- Issue
- Heft 10
- Article
- Brief aus Italien
- Date
- 1920-01-01
- Page
- 610 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
- article
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6io Umschau: Brief aus Italien größerem Vorteile wäre, sondern auch deshalb und vielleicht vor allem deshalb, weil ihnen in der Atmosphäre des offiziellen Judentums seelische und geistige Erstickung droht. Nur ganz Vereinzelte, die die geistige Kraft dazu haben, um außerhalb ihrer unmittelbaren Umgebung, ganz aliein, mit eigener Anstrengung, ihr Judentum zu suchen und zu leben, oder aber, wiederum außerhalb des italienischen Judentums, sich mit Weltjudentum zu verbinden (und nicht anders lebten z.B. Samuel Luzzatto oder Raffaele Ottolenghi, dessen freiwilliger Tod in seinen Ursachen in so seltsames Dunkel gehüllt ist), können ihr Judentum voll und ganz bewahren. Dazu bedarf es aber außergewöhnlicher Kräfte der Hingabe, und gerade daran fehlt es dem heutigen italienischen Judentum. Denn, es ist merkwürdig, auch, an Italien gibt das Judentum verhältnismäßig wenig, jedenfalls keine hervorragenden Charaktere, die wirklich über die Mittelmäßigkeit hervorragten; auch in italienischer Philosophie, Literatur, Kunst stehen sie hinter den Italienern zurück, in der Politik fehlen sie vollständig an der äußersten Linken, bei den Kommunisten, sind selten bei den Sozialisten und gehören zumeist zu den rückständigsten Elementen, sind Mitglieder der rechten Parteien, der Nationalisten und Konservativen. Sie geben an Italien zweifelsohne weit weniger, als sie einst in der Zeit ihres Volljudentums an die Weltjudenheit gaben. Nirgends vielleicht wie in Italien tritt die Sterilität der Assimilation so deutlich zu Tage. Bei alledem sind ihre Vertreter mit einer Leichtfertigkeit, die vollkommene Verstandnislosigkeit dem Problem gegenüber verrät, überzeugt, daß sie die jüdische Frage gelöst oder doch jedenfalls den besten Weg dazu gezeigt haben. Die anderen Juden sollten nur ihrem Beispiel folgen, und wenn sie es nicht tunr hätten sie sich nicht zu beklagen, wenn es ihnen schlecht gehe. Man gibt selbstverständlich zu, daß z. B. die Lage in Osteuropa auch durch die „Unkultur" der Wirtsvölker bestimmt ist, aber aus diesen zwei Elementen — dem niedrigen Kulturstand der Völker und der unerklärlichen Hartnäckigkeit der Juden — besteht die ganze jüdische Frage; beide* sind selbstverständlich durch Schönrederei und Argumentation zu beseitigen. Und welche naive Selbstgefälligkeit spiegelt sich z. B. in dem bekannten Ausspruch von Luzzatti:0 „Jedes Land hat die Juden, die es verdient" wieder, womit er seinerzeit die rumänische Regierung überzeugen wollte, die bürgerliche Gleichberechtigung den Juden zu gewähren; weil in Italien die jüdische Rechtsfrage vollständig eliminiert wurde, habe es jetzt die besten Juden. Sie sind auch aufrichtig überzeugt, daß das Judentum der ganzen Welt sie ob ihrer sozialen Stellung beneide, und ebenso glauben sie, daß sie wirklich sozusagen gar keine Juden seien; man kann sicher sein, daß Luzzatti, wenn er von seinen Vorfahren- Römern sprach, in diesem Momente selbst an diese seine Genealogie glaubte, obwohl er noch den letzten Schimmer des „Trotzjudentums" bewahrt hat Von ihm stammt ja auch der andere, nicht minder bekannte Aphorismus: „Ich erinnere mich an mein Judentum, wenn es mir vorgeworfen wird"; und da das höchst selten vorkommt, vergißt er es immer gründlicher; irgend eine andere Ursache sich daran zu erinnern kennt und fühlt er ja nicht Ausdrücke wie „jüdischer Herkunft" oder „gewesener Jude", auf Leute angewandt, deren beide Eltern Juden sind und die an die Taufe, weil gänzlich überflüssig, nie gedacht haben, sind in Italien unter den Juden gang und gäbe und rufen bei niemanden ein Lächeln hervor, als ob wirklich das Judentum, das unter anderem nicht nur eine Tatsache der tausendjährigen psychischen Erziehung, sondern auch biologische Tatsache ist, etwas ganz Außergewöhnliches undUnorganisches wäre, das man ablegen kann wie ein abgetragenes Kleid. Dank dieser Verkennung der elementaren Kraft und der Unausrottbarkeit des Judentums kommen recht merkwürdige Fälle vor. Ich kenne, in Rom einen Juden, Philosophieprofessor, ' der ganz mit jüdischem Geiste durchtränkt ist und der kaum einen Aufsatz schreiben oder eine Rede halten kann, ohne auf Psalmen oder Propheten zu sprechen zu kommen; er behauptet aber dabei steif und fest, die Juden hätten keine Existenzberechtigung, und zwar nicht nur als Volk, sondern auch als Geistesgemeinschaft; er proklamiert nicht mehr, wie es sein deutscher Kollege getan hätte, die jüdische Mission, sondern negiert durchwegs und schöpft dabei seine Argumente aus dem Universalismus der Propheten und der Christusgemeinde; er hat sich auch viel mit dem Nationalitäts-Problem beschäftigt und immer den Begriff der Nation als einer rein geistigen Erscheinung verteidigt — diese Theorie wendet er nun auf alle Völker, auch die kleinsten an, sobald sie irgend eine geistige Produktivität offenbaren, weigert sich aber hartnäckig, sie auch für die Juden einzuräumen. Dieser römische Professor ist typisch für weite Kreise der italienischjüdischen Intelligenz. Da die Assimilation in Italien, wie oben schon erwähnt, sehr schmerzlos vor sich gegangen ist und als natürliche Entwicklung hingenommen wurde, so war es gar nicht nötig, irgend eine verkappte Assimilationstheorie auszuarbeiten oder zu importieren; man hielt sich schlecht und recht an die Negation, und es ist durchaus möglich, daß wir es hierbei großenteils mit keiner subjektiven Unaufrichtigkeit zu tun haben, was