Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 5 (1920-1921)
- Issue
- Heft 10
- Article
- Brief aus Italien
- Date
- 1920-01-01
- Page
- 609 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Umschau: Brief aus Italien 609 erschöpft sich fast vollständig das jüdische Leben. Aber auch damit geht es zweifelsohne immer schneller abwärts und den Rückgang zum Stillstand zu bringen oder neue Kräfte dem Judentum aus dem Gebiete der Halb- oder Vollassimilation zuzuführen war bis jetzt auch der nationalen Bewegung nicht beschieden. Es wirken hier wohl allgemeine Ursachen ein, dieselben, die die Dekadenz des jüdischen Lebens in ganz Westeuropa im vorigen Jahrhundert bestimmt haben, verbunden noch in Italien mit der Abwesenheit von jedem gesellschaftlichen Druck, wodurch der Assimilation die letzten moralischen Bedenken hinweggeräumt und völlig freier Lauf gewährt wurde. Es kommt noch ein anderes Moment dazu, das in solchem Maße in anderen Westländern wohl fehlte, und das ist die innere Armut des offiziellen Judentums in Italien. Auch in der übrigen Diaspora waren die Reste des offiziellen Judentums nach vollzogener Assimilation nicht sehr lebendig. Aber in England, in Deutschland, in Oesterreich, um von Osteuropa gar nicht zu sprechen, hatte dieses Judentum noch Würde, Leidenschaft und auch Inbrunst in sich bewahrt und führte doch ein, wenn auch nur schwaches, wirkliches seelisches Leben; es war hier noch ein Kampf, es gab noch Positionen zu verteidigen, und Lebensinhalte, die, wenigstens im Lichte der Geschichte gesehen, etwas Heldenhaftes und Erhabenes an sich hatten und sowohl moralisch wie intellektuell banden. Das heutige offizielle Judentum in Italien hat nichts davon erhalten. Alles scheint hier verstaubt, leer, öde, von einem Moment zum andern zusammenzufallen bereit: Gemeindewahlen, bei denen in Städten wie Rom mit etwa 12000 Juden 150—200 Stimmen abgegeben werden; Synagogen, in denen ein andächtig Betender eine Seltenheit ist; Schulen, in denen vor allemKinder der von der Gemeinde Abhängigen den armseligsten Unterricht genießen; Gemeindevorsteher, die vor Jahren ohne Kampf und Streit die Posten besetzt haben und ihrer sicher sind, bloß deshalb, weil kein anderer sich findet, der willig wäre sie zu ersetzen; eine geistige Atmosphäre, in der ein Reformer ein begehrenswerter Revolutionär wäre, der aber nicht erscheint, da niemand nach irgend einer Reform ein Bedürfnis hat; in ganz Italien keine Spur von irgend einem Kunst-, Literatur-, Wissenschaftsverein; man hat wiederholt versucht, welche zu gründen, und jedesmal sind sie kläglich zusammengefallen — also auch danach kein Bedürfnis; eine einförmige soziale Struktur, dabei aus Elementen zusammengesetzt, die gerade im jüdischen Leben sich als die untragfähigsten erweisen. Wenn man die Kreise, die noch am jüdischen Öffentlichen Leben teilnehmen, sich etwas näher besieht, trifft man vor allem Rabbiner, Gemeindeausschüßmitglieder, Gemeindebeamte — alles Leute, die an diesem Leben und an seiner Erhaltung materiell direkt interessiert sind (und sei es auch nicht in eng finanziellem Sinne), die zu anderer Arbeit als der in Gemeindestubenämtern gar nicht befähigt sind, anderswo kein Betätigungsfeld haben und also gezwungen sind, sich mit jüdischer Oeffentlichkeit zu befassen. In jüdisch-nationalen Kreisen und auch bei Vertretern des offiziellen Judentums herscht natürlicherweise ein gewisses Aergernis gegen diejenigen Juden, die endgültig jedes Band mit jüdischem Leben zerrissen und sich vollständig den reih italienischen Interessen ergeben haben. . Unter den Beweggründen dieser Leute finden sich gewiß auch solche, die von keinem großen Charakter, keiner Treue und keiner Zuverlässigkeit zeugen. Man muß aber gerecht sein — wie das heutige offizielle jüdische Leben in Italien aussieht, haben hier Männer von einem gewissen geistigen Ausmaß und einer gewissen Tatbegierde und Tatfreude wenig zu suchen. Wenn man auch von den Lebensäußerlichkeiten absieht, von der öffentlichen Stellung, von dem Parteileben usw., obwohl auch diese für einen Aktionsmenschen nicht ohne weiteres irrelevant sind, und an Lebensinhalte, aber wirkliche Lebensinhalte, die keine leere Phrase sind, an das Pathos der menschlichen Erneuerung und des sozialen Neubaus denkt, so muß man bekennen, daß das offizielle Judentum in Italien recht wenig zu bieten hat. Man stelle sich einen jungen Luzzatti oder Treves vor, die in die Gemeindestube gekommen sind, um ihre Kräfte dem Judentum zur Verfügung zu stellen, man wird für sie keine Arbeit finden, die auch nur annähernd ihren Kräften entspräche, und beide Parteien werden enttäuscht nach kürzester Zeit auseinandergehen. Und ebenso würde es den Achille Loria, Alessandro Levi, Feiice Momigliano, Alessandro Ancona, Lodovico Mortara ergehen, wenn sie ihre wissenschaftlichen, philosophischen, literarischen, politischen Fähigkeiten in den Dienst der jüdischen Sache stellen wollten. Viel stärker als jeder religiöse Zweifel wirkt entfremdend die tätliche Langeweile und die völlige Abwesenheit aller Leidenschaftf'die im italienisch-jüdischen Leben herrscht. Religiöser Zweifel ist immer ein Zeichen von Leben, kann sich jedoch nur dort nicht individuell sondern gemeinschaftlich entwickeln und sodann seine Früchte innerhalb der Gemeinschaft bringen, wo man es mit einem Milieu zu tun hat, in dem man überhaupt noch von Religion und Glauben und nicht nur von Ritus .sprechen kann. Die besten jüdischen Köpfe und die besten jüdischen Herzen geben in Italien ihre Kraft, ihre Liebe und ihre Begeisterung der nichtjüdischen Arbeit, und das nicht nur deshalb, weil es für sie in irgendwelcher Weise von