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Der Jude · 1920-01-01 · Heft 10 · p. 608

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Jude
Volume
5 (1920-1921)
Issue
Heft 10
Article
Brief aus Italien
Date
1920-01-01
Page
608 (sequence 3)
Language
German
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6o8 Umschau: Brief aus Italien ihrer Auflösung durch die Regierung, und von dem ersten zionistischen Delegiertentag. Beidemal warnte die Presse die italienischen Juden vor den Versuchen, dem jüdischen Leben ein nationales Gepräge zu verleihen und irgendwelche spezifische Aufgaben sich zu stellen, da in Italien nur eine Nationalität lebe und nur italienisch gefühlt, gedacht und gearbeitet werden solle: diese Warnungen wurden selbst? verständlich im Namen der echten Judenfreundschaft gemacht, und es ist wohl möglich, daß sie in dem Sinne, in welchem In Italien Judenfrage und Judenfreundschaft verstanden sind, ehrlich gemeint waren. Es ist aber kaum zu bezweifeln, daß wenn diese getadelten nationalen Regungen im italienischen Judentum sich verstärken sollten oder wenn die italienischen Juden sich wirklich solidarische mit dem Ostjudentum erklären würden, die italienische Toleranz auf eine schwere Probe gestellt würde und kaum unbeschädigt aus dieser Probe hervorginge. Ein Stimmungsumschlag könnte aber ebensogut auch durch einen Zufall hervorgerufen werden, durch einen großen Prozeß, durch eine Börsenaffäre, durch einen politischen Putsch, in dem die jüdischen Namen im Vordergrunde stünden. Man sollte noch einen anderen Umstand in Betracht ziehen. Zwar sind die Freiheitstraditionen, insbesondere was die Religion betrifft, im italienischen Volke stark verwurzelt; dennoch ist nicht minder stark der Einfluß der katholischen Kirche, insbesondere im Süden und unter den Frauen im aligemeinen — nicht umsonst hat der Heilige Stuhl seinen Sitz seit Jahrtausenden in Rom. Die Stimme der Kirche ist selbstverständlich nicht mehr so schwerwiegend und vor allem nicht so unversöhnlich, wie es noch vor einigen Jahrzehnten der Fall war: sie hat sich den Zeiten sehr angepaßt und hütet sich wohl die Toleranz und Freiheitsgefühle offensichtlich zu verletzen. Ihre Einstellung der Juden gegenüber ist deshalb im Wesen nicht anders geworden, und wenn sie heute noch vermeidet, das Problem in seiner ganzen Schärfe zu stellen, so geschieht es, weil sie weiß, daß sie auf zu große Opposi~ tion des Liberalismus mit seinen noch immer wirksamen Schlagworten stoßen würde; wenn sich aber eine Gelegenheit bietet, so läßt sie sie nicht vorbei, ohne ihre Antipathie den jüdischen Bestrebungen gegenüber zum Ausdruck zu bringen, und sollte es zu einem Aufflackern der judenfeindlichen Gefühle in Italien kommen, so wird die Kirche mit ihren Zeitungen und mit ihrer Partei neben den chauvinistischen Elementen dabei in erster Linie stehen. Und während der Liberalismus mit seiner wurzellosen Phraseologie in der italienischen Oeffentlichkeit immer mehr an Boden verliert, und die tausendjährige Kirche ihr zeitweilig von massonischer und freidenkerischer Deklamation niedergedrängtes Haupt immer höher hebt, verharrt der Sozialismus in seinem, am Ende auch nichts Gutes verheißenden Judenagnostizismus. Der Uebergang vom Ghetto zu den höchsten Staatspositionen ist in Italien eben zu schnell und zu schmerzlos vor sich gegangen. Deshalb kommt es auch, daß der Begriff, den der Italiener mit Juden verbindet, wenn er nicht gerade an seine Generäle und Minister denkt, an deren Judentum er sich übrigens gar nicht mehr erinnert, immer noch sehr oft „der kleine Ghettojude*4 istf d. h. der Trödler und Kleinhändler, wenn nicht Wucherer, den man selbstverständlich sich nicht gleichstellen kann und dem man nicht vertrauen darf, da man ihm immer noch mysteriöse Verbindungen und Bestrebungen und große Verstellungsfähigkeiten zutraut So stellt sich der Italiener auch den russischen und polnischen Juden vor. Einen anderen Juden als den von der offiziellen Geschichte überlieferten, dessen Schatten man noch heute in den schmutzigen und lärmenden Ghettogassen von Rom sehen kann, haben die Italiener nicht gesehen; nicht nur ist ihnen der Typus des selbstverständlichen, geraden und echten Juden unbekannt geblieben, sondern auch der Jude am Scheidewege, der Jude in der Stellung Börnes und Heines. Durch den schnellen Uebergang hat die italienische Assimilation eine größere Natürlichkeit gewonnen; sie wurde weder von dem italienischen Juden in schwerem Kampfe mit sich selbst und mit der christlichen Umgebung erobert noch von dieser Umgebung mit offenen Augen im Bewußtsein des Geschehnisses eingeräumt, sie vollzog sich wie von selbst, wie unbemerkt von den einen und von den anderen* Das ist auch die Ursache, weshalb das Problem im neunzehnten Jahrhundert in seiner wahren Formulierung nicht mehr gestellt wurde; die Folge davon ist die Unsicherheit der Lages Unverständnis im besten Falle und eventueller Ausbruch der irgendwo am Grunde der Seele schlafenden und deshalb verschwunden gewähnten, in Wirklichkeit jedoch nicht toten, well durch Jahrhunderte gezüchteten und seither nicht überwundenen Instinkte. 2. . Diese gleichgültige Einstellung der Italiener dem jüdischen Problem gegenüber ist zum größten Teil von der Haltung des italienischen Judentums selbst abhängig, hauptsächlich der Generationen vor und während der Emanzipation; sie übt aber ihrerseits eine Rückwirkung auf die neue jüdische Generation für die das Problem ebensowenig anziehend ist, wie für ihre christliche Umwelt Die Folge davon ist, daß, was in Italien noch jüdisch ist, fast ausschließlich dem Bereicht des offiziellen Judentums angehört; in Gemeinde, Synagoge, Talmud-Thöra, auch hier recht dürftig und in verwahrlostem Zustande,

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