Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 5 (1920-1921)
- Issue
- Heft 10
- Article
- Brief aus Italien
- Date
- 1920-01-01
- Page
- 607 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Umschau: Brief aus Italien 607 schon deshalb, weil die Juden in Italien gleichmäßig verteilt und miteinander kaum verbunden sind. Es gibt keine jüdische öffentliche Meinung, auch keinen jüdischen Einschlag weder in der Kunst noch in der Literatur, keine gesellschaftlichen oder sozialen Strömungen, die man auch nur annähernd jüdisch oder „verjudet" nennen könnte; die Juden, die öffentlich tätig sind, fühlen sich von ihren Glaubensgenossen, wie hier vorgezogen wird sich auszudrücken, weder im Rücken gestärkt noch geschwächt. Das Judentum, politisch, sozial und zum überwiegenden Teil auch kulturell betrachtet, ist eine unbestimmte lose formlose Masse, die als solche nicht in Betracht gezogen zu werden braucht. Es kommt also zu keiner Aussprache zwischen Italien und Judentum. Die erste und nächstliegende Folge davon ist die italienische Toleranz, die fast vollkommene Abwesenheit von Antisemitismus, die den markantesten Zug der italienisch-jüdischen Beziehungen bildet. Die relativ kleine jüdische Gruppe in Italien (die Juden sind hier etwa 50 000, o,i°/0 der Bevölkerung) fühlt ihrerseits gar keine Neigung, das Problem zu stellen, schon deshalb nicht, weil, wie gesagt, sie selbst es kaum spürt. Wenn die italienische Judentoleranz wirklich eine Folge der ehrlichen und konsequenten Auseinandersetzung wäre, so könnte man sich über dieses friedliche Nebeneinanderleben der Italiener und der Juden aufrichtig freuen, als über einen lebendigen Beweis dafür, daß die Kluft zwischen Juden und Westvölkern, wenigstens im Sinne rein menschlichen Verhältnisses, nicht unüberbrückbar sei. So wie die Dinge stehen, ist aber in Italien dieser Beweis nicht erbracht trotz der Minister- und Generalwürde mancher italienischer Juden, an die diese Würde unter der stillschweigenden Voraussetzung verliehen wird, daß sie sich ihres Judentums vollständig entäußern; sie sind also nicht als Juden, sondern ausschließlich als Italiener einer gewissen speziellen Art toleriert, man hat ihnen erlaubt vollkommene Italiener zu werden (oder sich zu bemühen es zu werden), man lächelt und man wundert sich nicht, wenn sie sich mit Italien vollständig identifizieren und wenn Luzzatti von „unseren Vorfahren, den Römern" spricht oder „unsere altrömische Kultur" preist. Wie würde aber die Lage sein, wenn sich einmal herausstellen sollte, daß eine Illusion oder ein Trug vorliegt und daß trotz allem die italienischen Juden Juden geblieben sind? Wie würde es, wenn bei einer großen Krise, einer noch größeren als der Weltkrieg war, wie es z. B. eine soziale Revolution sein könnte, sich . herausstellen sollte, daß immer noch eine tiefe Kluft zwischen den Italienern und den Juden klafft? Ein völliger Zusammenbruch des jetzigen Systems, das nicht auf gegenseitigem Verständnis sondern auf einem bewußten oder unbewußten Verschweigen des Andersseins beruht, ist dann gar nicht unwahrscheinlich. Auch Ungarn wurde vor dem Kriege als ein judenfreundliches Land gerühmt, wenigstens von den ungarischen Juden, und hat doch der Probe nicht standgehalten und ist dem wildesten Judenhaß verfallen; die Schuld daran ist, wenn schon Juden, dann denjenigen ungarischen Juden zuzuschreiben, die ihr bequemes vorkriegerisches Leben nicht stören wollten und jede ehrliche Diskussion über das Judenproblem unmöglich machten. Auch die russische Intelligenz wurde vor dem Kriege als die toleranteste gepriesen, und auch sie hat die Probe der zwei oder drei schweren Jahre, wie es scheint, nicht bestanden und ist in ihrem Judenglauben und Judenvertrauen wankend geworden: wohl deshalbt weil auch diese Toleranz in Wirklichkeit nich, auf ernster Durcharbeitung des Problems beruhte, an welches die Gewaltpolitik des Zarismus garnicht heranzutreten erlaubte, sondern auf einem Mit- und Schamgefühl den verfolgten Juden gegenüber. Weder im vorkriegerischen Rußland und Ungarn noch im gegenwärtigen Italien wurde die Judenfrage, nicht nur nicht in ihrem universellen sondern auch nicht im temporärlokalen Sinne, d. h. als ein Problem des friedlichen Nebeneinanderlebens wesensverschiedener Menschen, mit gegenseitigem Verständnis und gegenseitiger Achtung, mit gegenseitiger Schonung der Wesensverschiedenheit, gestellt. Und solange das nicht geschehen ist, kann von wirklicher und dauernder Toleranz, die vor allen Ueberraschungen sicher ist, nicht gesprochen werden. Deshalb ist es eher möglich, daß in Ländern wie Deutschland oder Polen, wo die judenfeindlichen Gefühle momentan so scharf ausgesprochen sind, es doch am Ende zu einem dauernden Verständnis kommen wird, als in Ländern, wo das Problem entweder totgeschwiegen oder falsch gestellt wird. Von einer Aenderung sind in Italien schon jetzt gewisse wenn auch noch schwache Anzeichen vorhanden. Das private Leben bleibt noch vom Antisemitismus vollständig immun, er hat aber schon im öffentlichen Leben und vor allem in der Presse, hauptsächlich als „Importware" aus Frankreich und Polen, seinen Einzug, wenn auch mit allem möglichen Vorbehalt, vollzogen. Der hauptsächliche Vorbehalt besteht im fremdländischen Charakter des getadelten Judentums: „unsere Juden sind anders, haben damit nichts zu tun und sind auch nicht gemeint". Bei den wenigen Gelegenheiten, wo auch die italienischen Juden öffentlich als Juden hervorzutreten wagten, war die Presse und somit auch die von dieser bearbeitete öffentliche Meinung fast einstimmig in der Tendenz, alle spezifisch jüdischen Regungen in Italien zu rügen und zu beklagen. Diese Gelegenhelten wurden vor allem von zwei. Ereignissen geboten: von der Wahl der zionistischen Judengemeinde in Florenz und 40*