Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 5 (1920-1921)
- Issue
- Heft 10
- Article
- Die Entwicklung des Genossenschaftswesens
- Date
- 1920-01-01
- Page
- 602 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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602 Umschau: Volkswirtschaft in Palästina Die Zahl der Mitglieder ist in diesen acht Jahren also um das 140 fache, die Spareinlagen sind um das 500 fache, der Umsatz um das 600 fache gestiegen. Diese Ziffern sind die beste Illustration dafür, wie diese Darlehensgenossenschaften aus ganz kleinen Anfängen zu einem wichtigen Faktor im Wirtschaftsleben werden können., 3. Produktionsgenossenschaften. Die Produktionsgenossenschaften (Vereinigung von Handwerkern, Landwirten oder Arbeitern zu gemeinsamer wirtschaftlicher Tätigkeit) bilden in allen Ländern den schwierigsten, Teil des Genossenschaftswesens. Sie leiden in Europa daran, daß der Landwirt und Handwerker, der über irgendwelche eigenen Mittel verfügt, nur ungern seine Selbständigkeit aufgibt und sich, als unselbständiges Mitglied in eine Genossenschaft einfügt. Diejenigen Kreise, die aber für die Genossenschaftsidee zugänglich sind, sind die ganz unbemittelten Handwerker und Arbeiter, welche infolge Kapitalmangels als Einzelne nicht richtig arbeiten können und durch genossenschaftlichen Zusammenschluß Kredit zu erhalten hoffen. Die Gewährung des Kredites an Genossenschaften schließt ein sehr großes Risiko in sich, weil bei irgendeiner Geschäftsstörung oder Krisis deren Gefahren nicht von dem eigenen Kapital der Kreditnehmer aufgefangen werden, sondern ganz und gar auf das Leihkapital fallen und dieses dabei meistens verloren geht. Hierzu kommt noch, daß in den meisten Produktionsgenossenschaften es nicht leicht ist, die verschiedenenMitglieder zu harmonischemZusammenarbeiten und zur Unterwerfung unter die notwendige Disziplin eines selbstgewählten Geschäfsführers zu bringen. Diese der Produktionsgesellschaft anhaftenden Mängel haben in einer langen Erfahrung in England und Deutschland gezeigt, daß die Produktionsgesellschaft als solche nicht allgemein als eine sichere Unternehmungsform betrachtet werden kann. Andrerseits gibt es aber gewisse wirtschaftliche Tätigkeiten, in welchen sich die Produktionsgesellschaften bewährt haben und für welche sie auch in Palästina Bedeutung gewinnen können. Wir heben die wichtigsten Anwendungsformen heraus: a) Arbeitergenossenschaften zur Uebernahme von öffentlichen Arbeiten, insbesondere Bau von Wegen. — Die öffentlichen Arbeiten werden bei der Beschäftigung unserer Einwanderer in der nächsten Zeit eine außerordentlich wichtige Rolle spielen und werden uns ermöglichen, vielen Tausenden von Einwanderern in den ersten Jahren nach ihrer Ankunft Beschäftigung zu geben, falls es uns gelingt, die Arbeitergenossenschaften so zu organisieren,daß sie mit den billigen arabischen Arbeitern konkurrieren können. Es ist nach den bereits vorliegenden Erfahrungen sehr wahrscheinlich, daß die jüdischen Arbeiter diese Konkurrenz bestehen können, wenn , sie sich als Genossenschaften organisieren, die Arbeiten direkt von der. Regierung oder von jüdischen Gesellschaften in Akkord übernehmen und auf diese Weisenden Gewinn des Privatunternehmers, der bei arabischer Arbeit unerläßlich ist, ausschalten. Es wird den palästinensischen Arbeitern sicher gelingen, eine Gewerkschaft der Straßenarbeiter zu organisieren, welche einzelne Straßenarbeiten von der Regierung oder von jüdischen Gesellschaften in Akkord übernimmt, durch einen technischen Beirat die Arbeit in bester Weise organisiert, jeden Arbeiter an den richtigen Platz stellt und für die Aufrechterhaltung ihres Arbeitseifers sorgt Es hat sich herausgestellt, daß in Italien, wo solche Arbeitsgenossenschaften beim Bau von Wegen und Eisenbahnen seit 30 Jahren tätig sind, sie zufriedenstellend arbeiten. Aber die Gewerkschaft der Straßenarbeiter würde, wenn sie allein auf ihre eigenen Kräfte angewiesen ist, wahrseinlich nur langsam vorwärts kommen, weil es ihr an zwei Dingen fehlt: erstens an arbeitsparenden Maschinen, zweitens an Betriebskapital. Letzteres ist nötig, weil die ■ Arbeitsgenossenschaft nach Beginn der Arbeit nicht sofort für ihre Arbeit Geld erhält, sondern gewöhnlich einige Wochen oder sogar Monate warten muß, bis sie die ganze Arbeit oder einen Teil davon vollendet hat. Hier ergibt sich die Gelegenheit, durch einen Kredit an die Gewerkschaft der Wegarbeiter ihr die Anschaffung von Maschinen zu ermöglichen oder ihr Vorschüsse auf die Zahlungen zu geben, die sie für ihre Arbeit später erhalten wird. In beiden Fällen kann der Kredit als gesichert gelten, da in dem einen Falle die Maschinen, im zweiten Falle die Zahlung für die geleistete Arbeit als Grundlage und Sicherheit für den Kredit vorhanden sind. Wenn es auf diese Weise der Gewerkschaft der Wegearbeiter gelingt, mehrere völlig ausgerüstete Arbeitsgruppen (Arbeitsbataillone) zu bilden, welche mit allen notwendigenAusrüstungsgegenständen(Baracken, Zeiten, Maschinen, Arbeitsgeräten, Feldküchen und Proviant) versehen sind und erfahrene Vorarbeiter an der Spitze haben,-so wird es diesen Gruppen möglich sein, bei allen öffentlichen Ausschreibungen von Wegearbeiten mit Erfolg zu konkurrieren und durch die wachsende Erfahrung bei diesen Arbeiten auch immer bessere Resultate und höhere Löhnrj zu erzielen. b) Bauhandwerker-Genossenschaften. — Aehnlich wie bei den Wegebauten liegt der Fall bei Genossenschaften von Handwerkern oder Arbeitern, welche bestimmte Arbeiten im Bauwesen übernehmen. Es ist als sicher anzusehen, daß in den nächsten Jahren das Bauwesen im Vordergrund der wirtschaftlichen Entwicklung stehen wird,