Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 5 (1920-1921)
- Issue
- Heft 10
- Article
- Die Entwicklung des Genossenschaftswesens
- Date
- 1920-01-01
- Page
- 600 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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6oo Umschau: Volkswirtschaft in Palästina Palästina. Ein Index der Preise der notwendigsten Lebensbedürfnisse für eine Familie mittleren Standes ergibt, daß dieselben Lebensbedürfnisse, für deren Befriedigung bei Ausbruch des Weltkrieges im Jahre 1914 ca. 2500 Frs. (100 engl. Pfund) genügten, heute 300 bis 400 Pfund kosten. Es wird auch allgemein zugegeben, daß diese hohen Preise zu einem großen Teil einer mangelnden Organisation des Handels zuzuschreiben sind. Im benachbarten Aegypten, das auch unter einer ziemlichen Teuerung leidet, sind die Preise doch immerhin beträchtlich niedriger wie in Palästina. Es kommt sehr häufig vor, daß manche Artikel, die normaler Weise mit einem Aufschlag von io°(0von Aegypten nachPalästina transportiert werden könnten, hier nicht io°/0, sondern 3o°/0 und 40°/,) teurer sind. Die eben erwähnte ungenügende Organisation des Handels in Palästina besteht darin, daß fast alle palästinensischen Kaufleute infolge ungenügenden Kapitals ihre Waren nicht aus erster, sondern aus zweiter und dritter Hand kaufen und daß dann die Ware, bis sie zum Konsumenten gelangt, wiederum noch durch zwei bis drei Hände geht und auf diesem langen Wege unverhältnismäßig verteuert wird. Allerdings würde dieser Uebelstand nicht dadurch behoben werden können, daß sich in einzelnen Orten des Landes lokale Konsumvereine gründen; denn diese würden aus den Beiträgen der Mitglieder auch nur ein relativ kleines Kapital zusammenbringen und würden dann den Einkauf nicht viel besser und nicht billiger besorgen können, als der kleine Kaufmann. Sie werden deshalb auch nicht imstande sein, ihre Waren wesentlich billiger zu verkaufen als die Händler und deshalb keine große Anziehungskraft auf die Konsumenten ausüben. Die vor dem Kriege gemachten Versuche mit der Gründung lokaler Konsumvereine haben deshalb keinen Erfolg gehabt. Zur Zeit existieren in Palästina zwei größere Konsumvereine, der während des Krieges gegründete „Hamaschbir", der seine Mitglieder besonders den Arbeiterkreisen entnimmt, und der 7 Verkaufsstellen an verschiedenen Punkten des Landes hat, und der vor kurzem gegründete „Hamasmin", dessen Mitglieder mehr dem Bürgerstand angehören. Auch diese beiden Gesellschaften können infolge des Mangels an Betriebskapital ihre Waren nicht aus erster Hand kaufen und können ihren Mitgliedern nur geringe Vorteile bieten. Um die Konsumvereine in Palästina wirklich populär zu machen und ihnen viele neue Mitglieder zuzuführen, ist es erforderlich, daß sie durch niedrige Preise ihrer Waren ihren Mitgliedern augenfällige Vorteile bieten. Das können sie aber nur, wenn sie ihre Waren aus erster Hand beziehen. In England und Deutschland haben die Konsumvereine aus sich heraus eine Wholesale Cooperative Society (Großeinkaufsgenossenschaft) gebildet und sie mit ausreichendem Kapital für Käufe aus erster Hand versehen können. Es wäre natürlich das Einfachste, wenn auch in Palästina zunächst viele lokale Konsumvereine gegründet werden und diese später aus sich heraus dieWholesale Cooperative Society gründen könnten. Aber ein solcher Prozeß setzt, wie es auch in England und Deutschland der Fall ist, eine langjährige Entwicklung der Konsumvereine und eine sehr große Mitgliederzahl in den Konsumvereinen voraus. Wir stehen hier vor einem circulus vitiosus. Weil die wenigen lokalen Konsumvereine in Palästina nicht genug Mittel haben, um aus erster Quelle einzukaufen, können sie ihren Mitgliedern keine großen Vorteile geben und keine große Anziehungskraft zur Gewinnung neuer Mitglieder und zur Gründung neuer Konsumvereine ausüben. Weil es aber so wenig Konsumvereine gibt, kann es nicht zur Gründung einer Wholesale Cooperative Society mit ausreichendem Kapital kommen. Um aus diesem Dilemma herauszukommen, sehen wir als einzigen Ausweg die Gründung einer Einkaufsgesellschaft auf kommerzieller Basis, welche den lokalen Genossenschaften die Waren zum Einkaufspreis mit einem mäßigen Gewinn liefert und den Genossenschaften eine Beteiligung am Kapital und an der Verwaltung einräumt. Im einzelnen ließe sich für die Gründung einer solchen Einkaufsgenossenschaft folgendes Schema aufstellen: 1. Die Gesellschaft soll ein Kapital von 30000 Pfund haben, von dem 5000 Pfund ordinary shares und 25 000 Pfund als preferred shares ausgegeben werden. Das Vorrecht soll darin bestehen, daß die preferred shares mit Vorrecht vor den ordinary shares mit 6 °/0 aus dem Jahresgewinn verzinst werden. In Bezug auf das Stimmrecht sind die ordinary shares und preferred shares gleichgestellt. 2. Die 5000 Pfund ordinary shares sollen in Palästina, die 25000 Pfund preferred shares im Ausland untergebracht werden. Der Absatz der ordinary shares soll dadurch gefördert werden, daß jeder Konsumverein, der seine Waren durch die Einkaufsgesellschaft beziehen will, verpflichtet ist, für jedes Mitglied einen ordinary share von 1 Pfund zu übernehmen. 3. Der Leiter der Einkaufsgenossenschaft wird durch die Generalversammlung aller Sharehalter bestimmt. 4. Die Einkaufsgesellschaft nimmt von den Konsumvereinen Bestellungen entgegen und liefert die bestellten Waren an die Konsumvereine zum Einkaufspreis mit einem Aufschlage von etwa 10 °/0. 5. Die Einkaufsgesellschaft zahlt von ihrem Jahresgewinn nach* angemessener Dotierung eines Reservefonds zunächst 6 °/0