Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 5 (1920-1921)
- Issue
- Heft 10
- Article
- Der Verstoßene
- Date
- 1920-01-01
- Page
- 593 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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Der Verstoßene 593 Gerschom steht auf, Gerschom geht, und der Schrecken zieht durch seine Glieder. Geh langsam, Gerschom, daß deine Schritte ihn nicht erzürnen. Draußen war niemand, und im Zimmer war die Wärme verflogen. Wer war hier? Ein Fremder war hier, hier in diesem Räumt Still Hegt er, nur in einem einzigen Winkel, aber das Haus ist ganz voll von ihm, und ganz plötzlich erhebt er sich, enthüllt Hahnenfüße, klatscht in die Hände und verschwindet. Aber wer mag jetzt in diesen öden Raum seinen Kopf stecken? Eine schwarze Henne war erwacht, sprang auf den Eßtisch, kippte die Schüssel um, pickte ein Ei nach dem andern auf und flog weg. Die Henne war fort in ihren Winkel, und das Haus fiel wieder in Schweigen. Auch Gerschom macht sich los und geht zu seinem Bett, um zu schlafen. Ihm gegenüber schlummert eine eiserne. „Königstochter". Eine rostige Nadel ist ihr in die Krone gesteckt, und ein Strang Garn hängt ihr am Hals. Dies ist die Nadel und dies das Garn, mit denen die Sterbekleider für seine Mutter genäht sind. Nichts als Trug schaute Gerschom, falsche und verwirrende Gesichte. Gerschom saß hier und sah ein Traumgesicht in Schibbusch. Ehe noch der Morgen hell wurde, rief der Diener zum Dienste des Schöpfers. Aber Gerschom machte sich nicht stark wie ein Löwe, zum Dienste seines Schöpfers aufzustehen. Nicht genug, daß er nicht die Morgenröte erweckt hatte, war ihm nicht einmal gegönnt, selbst zu erwachen. Noch waren die Läden geschlossen und das Morgenlicht brach noch nicht durch, das Hausgerät warf lange schwarze Schatten und die Geheimnisse der Nacht bliesen Lebensodem in sie, und sie erwachten aus ihrer Stummheit und gewannen eigenes Leben. Gerschom hielt sich im Bett, rührte weder Hand noch Fuß, und lange schwarze Schatten zuckten durch < das stille Zimmer. Plötzlich schlug er die Augen auf und sprang vom Bette, wusch sich die Hände und sprach den Segen vor dem Thoralernen. Und sogleich hüllte er sich in seinen Mantel und zündete seine kupferne Laterne an, deren Licht durch eine Schweinsblase hindurch fiel, und ging zum Lehrhaus, sich mit den Worten der Thora zu beschäftigen. Ein fauliges, trübes Licht glänzte vom Osten her auf, und ein kalter, nasser Morgen brach an; halb Regen, halb Schnee; halb Tag, halb Nacht. 6. Der Fluch des Zaddik wirkt. Und Gerschom begann das Erwachen des Zornes und der Leiden zu fühlen, aber von nun an hatte er keine Bitterkeit, sondern schmiegte sich immer mehr, in seine Leiden wie ein Wurm. Als die Leute im Lehrhaus den Kummer seiner Seele sahen, sagten sie: Sicherlich ist der Tod einer Mutter schwer für den Sohn, und gar noch, wenn er nicht bei ihr stand in der Stunde ihres Scheidens. Und sie trösteten ihn und beruhigten sein Herz und sprachen zu ihm: Es ist verhängt über einen Toten, aus dem Herzen vergessen zu werden! Wenn du dich so sehr bekümmerst, schaffst du deiner Mutter Kummer in der Welt der Ruhe. Besser, du richtest deinen Geist auf den Aufstieg ihrer Seele. Und sie lenk-