Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 5 (1920-1921)
- Issue
- Heft 10
- Article
- Der Verstoßene
- Date
- 1920-01-01
- Page
- 592 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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592 S. J. Agnon: 4. Der Mensch ist zur Mühsal geboren. Die erste Nachtwache war vorüber, und noch war Gerschom nicht fort vom Zelte der Thora. Der Trübsinn umfing ihn, und er hatte keine Kraft aufzustehen. Gerschom, Gerschom, wie sehr muß der Mensch sein Herz im Glauben festigen, und du, Gott bewahre, entwurzelst dein Herz aus dem Glauben. Jetzt, nachdem die Mutter zur Ruhe gegangen war, war es da erlaubt, an den Wegen Gottes zu mäkeln, warum er ihn geschaffen hatte und zum Schmerz geschaffen hatte? Denkst du daran, Gerschom, denkst du an das, was dein Großvater dir nach ihrem Scheiden schrieb, wie man sie aus den Wassern der Strypa herausgezogen hatte, damit Kinder nach ihr bleiben sollten? gjg ffDie Jünglinge liegen auf ihren Bänken ausgestreckt und schlummern einen langen Schlaf, die ganze Welt ist in Schlaf versunken, und die Kerze brennt und geht ihrem Ende zu. Die Seelenkerzen schweigen über ihren Schatten, und die Uhr erwacht und schlägt Mitternacht. Eine junge Frau löst sich aus der Welt der Seelen, steigt zum Flusse herab und säugt ihr Kind, das die Christen dort ertränkt haben. Gerschom schließt das Buch und geht fort nach Hause. Zwar Gerschom weiß, auch dort gibt es keine Ruhe. Der Heilige, gesegnet sei er, hat sein Leben in Leiden über Leiden zerschnitten, ohne Zuflucht, ohne Entrinnen. Und brächte man ihn selbst zum Staube zurück, so käme sein Kummer wieder ihm nach. Der Mensch ist zur Mühsal geboren! Das Licht der Laterne bei der großen Synagoge schrumpft ein. Die lange Nacht steht und saugt sein Oel. Gerschom geht, die dunklen Gassen schweigen, und die Häuser versinken in ihrem eigenen Schatten. Eine Kerze brennt in jedem Hause, und man hört Thora singen. Gerschom kommt bei seiner Wohnung an. Vor dem Hause sind die Ausgüsse gefroren, fast wären seine Füße ausgeglitten, seine Schritte gestrauchelt. Gewiß war hier jemand gestorben und die Nachbarn hatten ihr Wasser ausgegossen. Gerschom trat ins Haus, halb lebendig, halb* tot. 5. Der Schrecken der Nacht. Das Feuer des Ofens war noch nicht erloschen. Eine kleine Lampe goß stilles Licht auf die Tischdecke, die über die Hälfte des Tisches gebreitet war, und auf Eierspeise, Oelkuchen und das Glas Milch, die die Wirtin ihm zum Abendbrot zurecht gestellt hatte. Gerschom kostete nicht von der Speise und trank nicht von der Milch, las das Nachtgebet und zog die Kleider aus, um sie am Feuer des Ofens zu trocknen, und er horchte auf die Stille der Nacht. Das Haus war mit Stroh gedeckt, und das Stroh sog die Winde der Winternächte mit den Regentropfen und dem Schnee ein. Die Zimmerwände überzogen sich mit einem Hauche, die Läden summten leise, und lange schwarze Schatten breiteten eine von Trauer und Schrecken erfüllte Stille aus. Wer summt dort zwischen den Läden, was will er um Mitternacht? Der Schrecken frißt sich ins Herz, ergreift Glied um Glied. Soll er aufstehen? Soll er gehen? Soll er öffnen? Schon pocht ein Laut ans Fenster.