Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 5 (1920-1921)
- Issue
- Heft 10
- Article
- Der Verstoßene
- Date
- 1920-01-01
- Page
- 594 (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
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594 S. J. Agnon: Der Verstoßene ten sein Herz mit anmutigen und gefälligen Worten auf seine züchtige Braut und ihre Tugenden, im^Sinne des Wortes „Und er liebte sie und tröstete sich über seine Mutter", und vielmals am Tage kamen sie zu ihm und fragten ihn: wie spät ist es? um ihn an seine Uhr zu erinnern, mit der seine Braut ihn geschmückt hatte, und sie unterhielten sich mit ihm über die Geschenke des Schwiegervaters, nämlich den Talmud und Alfas. Aber Tage kamen und Tage gingen ohne Ruhe und ohne Heilung. „Was quälst du dich, meine Seele, und was stöhnst du?" weinte Gerschom mit den Worten der Psalmen. Und wer nur Augen hatte und sah, wie er lebte, schüttelte den Kopf in Mitleid über diese Schönheit, die 'zugrunde ging. Die einfachen Leute aber wiesen mit Fingern auf ihn und sprachen: Die Strafe des Himmels! Rabbi Awigdor hat an jenen Zaddik gerührt und ist geschlagen worden. Der Fluch des Zaddik wirkt. 7. Die Sprossen der Weisheit Aber die kommenden Tage waren von einer leichten und sanften Trauer. Von einem Abend zum andern mühte sich Gerschom um die Thora, und seine Gedanken schweiften in der oberen Weisheit. Die meiste Zeit des Tages stand er auf der großen Leiter vor dem Bücherschrank und stieg empor auf den Sprossen der Weisheit und wurde begnadet, sich mit ihrer Heiligkeit zu durchwürzen. Alle sahen es und erfreuten sich daran, und sein (Lehrer ward voll Zufriedenheit. Gerschom wandte sich wieder zur Wurzel des wahren Lernens, und alle seine schlimmen Gedanken ruhten. Seine Trauer milderte sich immer mehr, und den ganzen Tag neigte sich Gottesgnade über ihn. Jene Weichheit, die er von seiner Mutter empfangen hatte, löste sein Herz, und auch er selbst löste es mit köstlichen Agadot und mit der Liebe zu Gott. Und er erweckte sich und schaute auch in die Bücher der Gottesfürchtigen und machte Schmuckstücke für seine Seele. Aber noch wußte Gerschom nichts von dem wahrhaftigen Lichte der Zaddikim. Das tiefe Lernen hörte auf, und die Jünglinge begannen die Vorschriften für das Pessachfest und die Erklärungen der Hagada zu durchforschen, um an den Pessachnächten den Seder ihrer Wirte zu verschönern. Gerschom lenkte sein Herz nicht darauf, „Vorrat für den Weg" zu bereiten. Die Gesetze über Gesäuertes und Ungesäuertes waren ihm geläufig, und sein Vater und Großvater bedurften seines Wissens nicht. Aber weil seine Hände jedesmal an die Bücher stießen, die auf den Tischen aufgehäuft waren, warf er in sie flüchtige Blicke. „Ein wenig Ungesäuertes am Pessach und fsein Wegschaffen" als Gleichnis für die Sünde im Gedanken und die übrigen Winke der Hagada und ihre Geheimnisse, die in den Büchern der Gottesfürchtigen angedeutet sind, brachten ihm große Festigung. Und Gerschom begann Zurichtungen zu treffen, um seine Seele aus dem Verderben des Triebes zu erretten, gemäß den Büchern der Gottesfürchtigen, die die Materie zum Gleichnis des Geistigen machen.