Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 5 (1920-1921)
- Issue
- Heft 10
- Article
- Der Verstoßene
- Date
- 1920-01-01
- Page
- 591 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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letzten Tage, als ihre Seele ging, in sich aufzunehmen; seine kleinen Brüder auf seinen Knien zu schaukeln und sie einen Abschnitt Bibel zu lehren, vor. ihnen mit den verflochtenen Händen das Schattenbild einer Ziege an die Wand zu werfen und das Herz seines zarten Schwesterchens mit Erzählungen von den wunderbaren Taten Gottes und seiner Gnade zu ergötzen; die Bilder auszubessern auf den Tafeln des Brautgebetbuches seiner Mutter, deren Hände zweimal an jedem Tage darauf lagen wie die Hände unseres Lehrers Moscheh auf den beiden Tafeln des Bundes. Und so sehr war Gerschoms Herz auf das Haus seines Vaters gerichtet, daß er manchmal vergaß, daß seine Mutter schon in der Welt der Wahrheit war. Dann erhob er seine Stimme beim Lernen, als ob sie, Friede über ihr, noch bei ihm stände, um zuzuhören. Seine Stimme zog sich in einer Art anmutiger Betrübnis und kehrte zurück und wurde von seinen Ohren aufgenommen und breitete sich in allen Adern des Herzens aus und erweckte sein Herz zum Weinen. So lernte Gerschom Thora und so verlangte er nach dem Hause seines Vaters. Aber welche Trauer der Seele ward ihm zuteil; welche Betrübnis des Geistes ward ihm zuteil. Gerschom wußte wohl, daß im Herzen des Menschen ein Leid entstehen kann. Und wer weiß, vielleicht würde er sterben und hätte nichts in der Thora vollbracht, und nicht einmal die sechs Ordnungen der Mischna für den Aufstieg der Seele seiner Mutter zu Ende gelernt. Und er bekümmerte und sorgte sich und hielt sich im Lehrhaus und machte die Nächte zu Tagen für die Thora, und er saß und lernte, führte keine müßigen Reden und hatte keine stetige Schlafenszeit. Die Thora ist da, und er muß lernen. 3. Zwischen Tag und Nacht. Die Stille der Dämmerung füllte den ganzen Raum des alten Lehrhauses, und eine Art feuchter Trübheit umhüllte Tische und Bänke, die alten Bücher und die verrosteten Leuchter. Die Uhr gab Seufzer nach Seufzer, eine Stunde ging und eine" Stunde kam. Faul und schwer kroch die Zeit hin. Bürger sammelten sich zum Gebet, und Gerschom las in der HeUe des Fensters einen Abschnitt Mischnajot. Der Diener des Lehrhauses warf einen Holzklotz in den Ofen, und ein leises, trauriges Feuer flackerte empor. Das nasse Holz knistert, und ein Wurm bohrt in den Scheiten. Der Ofen strömt seine Wärme aus, und der Körper nimmt die Wärme in sich auf, die Glieder werden schwer und versinken in trägen Schlaf. Der Teich hüllt sich in Schwärze. Der Müller geht heraus zu den Wasserrinnen, wäscht sich die Hände und verschwindet, und Dämonen sammeln sich in der Mühle, drehen Rad an Rad und mahlen das schwarze Mehl. Das Buch entfiel den Händen Gerschoms. Gerschom erwachte beim Geräusch des Falles. Sogleich machte er sich auf, wusch sich.die Hände und sprach den Kaddisch. Der Diener brachte die Kerzen in Ordnung, und die Gemeinde wusch sich die Hände zum Gebet. 39*