Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 5 (1920-1921)
- Issue
- Heft 10
- Article
- Der Verstoßene
- Date
- 1920-01-01
- Page
- 588 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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588 S. J. Agnon: Rabbi Awigdor ging hin und her durchs Zimmer, angefüllt mit Thoraworten, die er aus seiner Trauer verwirrte, und die ihn bei seiner Trauer verwirrten. Rabbi Meschullam stand auf, stellte sich ans Fenster und ließ seine roten Augen auf dem weißen Schnee umhergehen. Der Diener ging heraus, schloß die Läden und schüttelte seufzend den Kopf: Eine Frau stirbt nur ihrem Gatten! Der Sabbath war vorüber und mit ihm die Freude jedes Herzens. Die Trauernden erhoben sich von ihrer Trauer, aber die Trauer wich nicht aus ihrem Herzen. Rabbi Awigdor machte mit Seufzen Hawdala und ging zur Küche, wählte sich eine Gänsefeder und machte sie zum Schreiben zurecht. Dann tauchte er sie in Tinte und gebot Ruhe im Hause. Er prüfte die Feder, wischte sie an seinen weißen Locken ab und sehrieb einen großen Brief an Gerschom, der fern an dem Ort der Thora weilte. 5. Tröstungen zu Zeiten der Not. Mit Gottes Hilfe, gepriesen sei er, hier in der heiligen Gemeinde Schibbusch, fest gründe sie der Höchste, Amen. Am Ausgang des heiligen Sabbath, Wochenabschnitt „Gott gebe dir Anmut, mein Sohn", im Jahre „Gott tröste uns" nach der kleinen Rechnung. Die Wolken des Himmels mögen Seegen entleeren, und das Licht des Friedens und der Ruhe möge zu deinen Gemächern herabsteigen, an mein geliebtes Enkelkind, ausgestattet mit Vorzügen und Tugenden, den Jüngling und Bräutigam Herrn Gerschom, unser Schöpfer bewahre ihn und lasse ihn leben. Mein Enkel, der mir teurer ist als alles Teure, Deinen Brief mit dem Kelche der Tröstungen, den Du mir geschickt hast, habe ich empfangen. Aber ich kann mich nicht trösten, denn Gott hat seinen Grimm über mich ausgegossen und mir meine einzige Tochter genommen, meinen Augapfel, dreiunddreißig Jahre alt, und es war ihr nicht vergönnt, auch nur einen von ihren Söhnen, noch eine von ihren Töchtern unter' den Trauhimmel zu führen. Groß wie das Meer ist mein Unglück. Ich weiß, daß eine Zeit kommen wird, in der sich Dein Vater über sie tröstet und sich eine andere Frau nimmt, denn Deine Mutter, ihre Seele im Paradiese, befahl vor ihrem Tode Deiner ältesten Schwester, sie soll leben, diese Worte: „Um Gottes Willen sei Deinem Vater nicht entgegen, wenn er sich eine Frau nehmen will, denn er hat niemals Böses wider mich getan." Aber auf wem werden die Kinder zurückbleiben? Ich bin zu alt, noch ein Mann zu sein, stark wie früher. Ich bin heute dreiundachtzig Jahre alt, schwach bin ich und gebrechlich. Ich kann nicht mehr über die Berge hüpfen und auf Hügel und ins Vorsteheramt springen, reisen, kaufen und verkaufen, und auch von der Arbeit für die Gemeinde habe ich meine Hand zurückgezogen; obwohl Gottlob mein Auge nicht verdunkelt und meine Kraft nicht verfallen ist, so ist dennoch meine Kraft nicht mehr wie einst, und wie könnte ich mich trösten? Zwar, als ich es bedacht hatte, da tröstete ich mich ein wenig; denn ich erinnerte mich, als Deine Mutter, ihr Andenken zum Segen, ungefähr