Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 5 (1920-1921)
- Issue
- Heft 10
- Article
- Der Verstoßene
- Date
- 1920-01-01
- Page
- 587 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Der Verstoßene kroch in der neuen Leinwand wie ein Wurm im Fleisch eines Toten, und der Spiegel warf ihr Tun oben an der Wand viele und viele Male zurück. Eine Nachbarin stand auf, nahm ein weißes Laken, breitete es über den Spiegel und bedeckte den Schatten des Todes. Mit schweren Gliedern und im Schrecken der Nacht entschlummerten die beiden teuren Söhne Edeles, bis sie durch die Stimmen der Nachbarinnen erwachten und zu schreien und weinen begannen: Mutter, Mutter, und sie weinten die ganze Nacht, bis ihre Kraft zu Ende war. 4. Tröstung der Trauernden. Der nächste Sabbath war vorüber und mit ihm die Freude unseres Herzens. Edele hatte ihr Leben allem Lebendigen zurückgelassen, und ins Haus des Rabbi Awigdor kehrten die Trauernden zurück und saßen auf niedrigen Schemeln. Die Tür, die man dieses Jahr nicht mit Winterhüllen umbunden hatte, ging ohne Aulhören, und die Leute der Stadt strömten herein* und kamen mit gesenktem Haupt, seufzend. Der Geruch der Ueberbleibsel der Erbsen und Eier vom Leichenmahl erfüllte die Zimmerluft, und die Kinder klaubten eine Erbse nach der anderen von der Schüssel und dachten an ihren großen Bruder Gerschom auf der Jeschiwah, der hier fehlte, gerade während seine Lieblingsspeisen da waren. Die Tür ging unaufhörlich, und talmudkundige Männer kamen herein mit gedämpfter Stimme und schwachem Murmeln, priesen die Tote und schafften ihr ein mildes Gericht, und eine friedliche Ruhe spann sich um das Haus. Die Tote schwand aus ihrem Herzen, und Sehnen nach Gerschom wurde wach, der so klug mit ihnen zu disputieren pflegte, und als Rabbi Sindel, sein Schwiegervater, eintrat, standen sie auf und umringten ihn mit Fragen, wieviel Kommentare der Talmud enthielt, den er für Gerschom gekauft hatte, und ob auch die „Garbe des Vergessens" darin stände. Und von einer Sache zur andern kam [man schließlich zu dem großen Streit zwischen den Druckern, bis die Augen der Waisen schläfrig wurden. Die Schwiegermutter stand auf und nahm die Kleinste und legte sie ins Bett und sagte ihr viele süße Worte. Die Brüder und Schwestern wurden wach und spotteten über ihre kleine Schwester: Diese Dumme hatte gehört, daß die Seele der Mutter im Seelenbecher untertauche, und [sie hatte das ganze Wasser daraus getrunken. Da und dort erhoben sich die Tröstenden, wiegten den Körper und gingen mit Trostworten hinaus, und im Hause des RabbifAwigdor rüstete man sich zum Schlafen. Edeles Söhne standen auf, gingen zum Bett ihres Großvaters, nahmen die Decke und breiteten sie gegen den Ofen, um ihm den Schlaf mit einer warmen Decke zu versüßen. Die Großen standen und hielten sie hoch, und die Kleinen stellten sich auf die Zehenspitzen und hoben sie, soweit nur ihre Hände reichten, und sie beneideten die Brüder um ihre Größe, daß sie sie hoch in die Luft emporhalten und richtig durchwärmen konnten, denn vielleicht wird ihr Großvater gerade von dieser Stelle erquickt werden.