Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 5 (1920-1921)
- Issue
- Heft 10
- Article
- Der Verstoßene
- Date
- 1920-01-01
- Page
- 586 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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586 S. J. Agnon: Und es freuten sich alle Hausleute. Aber sie lag noch wie ein stummer Stein, und die Kraft der Rede war noch nicht in ihrem Munde. Da warf sich der Zaddik vor Gott nieder und bat abermals um Erbarmen für sie. Und es dauerte nur wenige Tage, bis sie^vom Bett aufstand, und im ganzen Hause erklangen die Schritte der Königstochter. Und nach weiteren sieben Tagen war sie gesund und stark und ihr Körper wie eine Zeder des Libanon. Der König und die Königin sahen das Licht ihrer Rettung. Da waren sie voll Freude und Jubel. Und sie erkannten, daß nur bei Gott und seinen Heiligen die Hilfe ist. Amen! Meschullam, Edeles Mann, wachte auf und sprach: Alles Hoffen vorbei. Es kann noch nicht sein, kann nicht sein! Und während noch das Wort auf seiner Zunge war, sprang er auf und ging aus dem Hause. Wohin ging Meschullam, wohin wandte er sich? Meschullam ging ins Dorf zu dem Rabbi, Rabbi Uriel, ob vielleicht Gott Gnade geben und sein Weib retten würde, ihre Seele dem Tode zu entreißen. 3. Versuchung. Rabbi Awigdor hatte alles erfahren, was Meschullam getan hatte. Da senkte Rabbi Awigdor seine beiden alten Augen auf seine einzige Tochter, wie sie im Sterben lag, und seine schweren Tränen rannen in ihre ^Tränen. Aber er stärkte noch sein Herz in Gott, daß er sich ihrer noch erbarmen würde und seine Hilfe senden von seinem Heiligtum. Doch plötzlich riß er sich mit der ganzen Kraft seiner Seele von ihr ab, denn ein bitterer Gedanke betrübte ihn, ob man ihre Heilüng nicht dem Segen des Uriel zuschreiben würde, und die Menschen durch sie ins Straucheln geraten würden.* In jener Stunde heftete Rabbi Awigdor seine beiden Augen auf den Himmel und sprach: Herr der Welt, wenn es ein Verhängnis von Dir ist, so nimm doch gleich ihre Seele, damit durch sie nicht, Gott bewahre, die Kraft der Lüge in der Welt stärker wird! Nach wenigen Minuten ging ihr Körper vollends zu Ende, und ihre Seele schied in Reinheit. Man stand auf und drückte ihr die Augen zu, daß ihre Tränen herausfielen, und man legte sie auf den Boden, die Füße zur Tür hin, und ihr zu Häupten zündete man zwei Wachskerzen an. Bei der schrecklichen Nachricht kamen alle Nachbarn und Nachbarinnen, und sie weinten in der Betrübnis ihrer Seele die ganze Nacht. Eine Schar Klagefrauen kam vom Ende der Stadt, und sie riefen zum Gewein und zur Klage auf. Sie setzten sich auf die Erde und bereiteten die Kleider der Ewigkeit. Die Seelenkerzen strahlten ein stilles Licht über das Antlitz der Toten aus, und die Frauen saßen auf der Erde und zogen Faden nach Faden durch die weiße Leinwand, die Spitze der Nadel wandte sich hin und her und