Mannheim
Compact Memory

Der Jude · 1920-01-01 · Heft 10 · p. 585

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Jude
Volume
5 (1920-1921)
Issue
Heft 10
Article
Der Verstoßene
Date
1920-01-01
Page
585 (sequence 3)
Language
German
Belongs to
article
OCR quality
99% known words query
IRI
…/3101111-3101163-3101172-3106086--4525-3106137
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Der Verstoßene 585 hatte wie ein Königsschloß und eine Residenzstadt, und auch Juden wohnten dort in Menge. Und er sah, und siehe, alle Juden schlugen die Hand aufs Knie und schrien bitterlich. Tränen waren auf ihrem Antlitz und jedes Haupt verhüllt. Er befragte die Stadtbewohner wegen dieser Verwirrung, aber niemand antwortete ihm ein Wort, denn sie sahen seinen niedrigen Stand, und er ging wie ein Armer und sein Gewand war zerrissen, und wie könnte dieser gestrafte Mensch ihnen aus ihrer Not helfen? Aber als er sehr in sie drang, da erzählten sie ihm das Unglück dieser Stadt, daß die Tochter des Königs dem Tode zuging, und sie war das einzige Kind ihres Vaters und seine Seele an die ihre gebunden. Der König ließ alle Ärzte von Osten und Westen holen, und alle sprachen sie: Keine Hoffnung, ein Heilmittel für ihren Schmerz gibt es nicht! Als der König sah, daß es keine Arznei für sie gab, da schickte er nach den Juden, die in der Residenzstadt wohnten, und sprach zu ihnen: Ich weiß, daß euer Gott Kranke heilt und Töte belebt, darum betet für sie zu Gott, und wenn er fihr hilft und Genesung schickt, werde ich weiter gut mit euch verfahren und werde euch höher und höher erheben, aber sonst müßt ihr in die Verbannung gehen und sollt aus meinem Lande vertrieben werden, nackt und barfuß [sollt ihr ausziehen in Mangel an allem, und ich will Verwüstung und Schande über euch bringen! Und deswegen £weint jeder Jude, vielleicht daß Gott uns erhört und ihr vom Himmel her Heilung und Genesung schickt. Als der Zaddik diese bitteren Worte hörte, sprach er zu ihnen: Wehrt euren Augen die Tränen, denn es gibt eine Arznei für eure Krankheit Aber beeilt euch, eilf und lauft zum Hause des Königs und sagt ihm, daß ein armer und elender Jude hierher kam, seine edle Tochter zu heilen. Da lachten die Leute über ihn und schmähten ihn. 5 Und sie. sprachen: Dieser Mensch will uns zum Narren machen. Alle Aerzte von Osten und Westen haben sie aufgegeben, alle Hoffnung sei trügerisch. Wiekönntest du sie heilen? Da antwortete ihnen der Zaddik also: Schauet nicht auf meine Armut, sondern eilt und lauft zum König und kündet ihm alles, was ich gesagt habe, so wird es gut für euch sein! Und der Zaddik bat so lange, bis man die Sache im Palast des Königs vernahm. Und [der König befahl, den Zaddik vor ihn zu bringen. Der Zaddik kam vor ihn und grüßte ihn, wie es Brauch und Recht ist, den König zu grüßen. Und der König sprach zu ihm: Jude, willst du dich getrauen, meine Tochter zu heilen? Und er antwortete: Es steht nicht bei mir, Gott wird sie heilen, wenn nur ein Hauch des Lebens noch in ihr ist. Da nahm ihn der König und brachte ihn ins Zimmer, wo seine Tochter lag. Als der Zaddik ins Zimmer trat, sah er, daß ihr Blut stockte und ihre Adern nicht mehr pochten und ihre Augen erstarrt waren, nur ein kleinwenig Atem war noch zu hören. Da begann der Zaddik sie zu heilen, aber nicht mit Heilbalsam und Verbänden, sondern mit dem Wort Gottes heilte er sie. Und bevor noch eine Stunde vorüber war, wurden ihre Augen hell.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.