Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 5 (1920-1921)
- Issue
- Heft 10
- Article
- Der Verstoßene
- Date
- 1920-01-01
- Page
- 584 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/3101111-3101163-3101172-3106086--4524-3106136- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
534 S. J. Agnon: Raum des Hauses, und auf ihr Bett, das von Verwandten, Männern und Frauen, verdunkelt war. Plötzlich wandte sie sich mit der ganzen Kraft ihres Sehens gegen das Fenster. In einem bauchigen Glase lag ein Esrog in Wasser, der unversehrt zum Braten verwahrt wurde, damit Rabbi Awigdor am Neujahr der Bäume den Segensspruch darüber sprechen sollte. Das Wasser war gelb geworden, der Esrog angeschwollen, manchmal stieg er, manchmal sank er. So sehr sich Edele noch bemühte, sie sah doch nichts vom Fruchtkörper. War es möglich, daß sie selbst den Fruchtknopf mit eigenem Munde abgebissen hatte? Während sie noch so schaute, kamen Gedanken über sie, ein Gedaake des Lebens und ein Gedanke des Todes, und er sprach zu ihr: Mach dich bereit, dein Ende ist gekommen. Da sprach sie zu ihm: Noch ist mein Ende nicht gekommen! und wandte ihre Augen gegen ihre zarten Täubchen, die um sie standen und weinten, und gegen den Esrog, dessen Fruchtknopf sie Hoschana Rabba abgebissen hatte, um leicht zu gebären. Plötzlich sah sie einen Engel vor sich, der von einem Ende der Welt bis zum anderen reichte, von der Fußsohle bis zum Scheitel voll von Augen, in Feuer gewandet, mit feurigem Mantel, ganz aus Feuer, mit einem Messer in der Hand, an dem ein bitterer Tropfen hing. Gleich wurde ihr Antlitz grün, die Kräfte ihrer Glieder zerstreuten sich, ihre Knochen lösten sich voneinander und der Heilige, der sei gelobt, in seiner ganzen Herrlichkeit stieg gleichsam zu ihr herab und ward vor ihr sichtbar, und sie empfahl ihm ihre reine Seele. 2. Gottes ist die Hilfe. Der Schnee bedeckte die Erde, das Haus hüllte sich in Sterbekleider, und das Licht der Lampe wurde immer kleiner. Am Bette des Weibes seiner Jugend stand Rabbi Meschullam, Edeles Gatte. Sein Herz war in ihm erschlagen, und er hatte keine Träne. Eine kühle Dunkelheit glitt über das Bett und benahm das Haupt des Rabbi Awigdor, der stumm wie ein Stein dastand und dessen Hände im Dunkeln zitterten. Ihr Tod war beschlossen, ihr Leben abgeschnitten. Seine weißen Wimpern verwirrten sich, seine Augen krampften sich zusammen, und eine armselige Träne drängte sich hervor und fiel heraus. Das Licht der Lampe wurde winzig und verlosch, und das Feuer im Ofen ging aus. Eine Frau von den Frauen des Hauses stand auf und nahm ein paar Spähne, legte sie in den Ofen und machte das Feuer größer. Da kam ein Geist des Lebens in den* Ofen, und eine bläuliche und rote Flamme schwang sich auf und übergoß das Gesicht von Edeles zwei teuren Kindern, die umarmt auf Schemeln saßen, ein altes Buch hielten und nach einer lieblichen Melodie beim Lichte des Ofens murmelten. Ihre reinen Tränen sickerten zwischen ihren blauen Fingern durch und wurden von den Blättern des alten Buches eingesogen, und die Blätter wurden gelb, wie ein von Eiter durchtränkter Verband. Und sie endigten den Schluß der Erzählung. Als jener Zaddik in die Stadt kam, sah er, daß sie Tore und Riegel