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Der Jude · 1920-01-01 · Heft 10 · p. 582

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Jude
Volume
5 (1920-1921)
Issue
Heft 10
Article
Bialik und die moderne hebräische Dichtung
Date
1920-01-01
Page
582 (sequence 7)
Language
German
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IRI
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Jakob Rabinowitz: Biaiik und die moderne hebräische Dichtung Der jüdische Mensch, der bisher vom Rechte des Individuums nichts gewußt hatte, erkannte auf einmal dieses Recht. Vom Allgemeinen ging der Dichter aus und kam zum Besonderen, zum Individuum, und von ihm stieg er zu einer höheren Synthese empor: durch den Einzelnen zum Volk und zur Menschheit. Dies ist die gemeinsame Linie unserer modernen Dichtung. In ihrem Ausdruck vor allem von Gordon und seinem Realismus bestimmt, geh®rt sie doch ihrer seelischen Verfassung nach mehr zu Micha Joseph Lebensohn. Sie bekennt sich zu dem Wesentlichsten' der Poesie, zu ihrer lyrischen Grundlage; weiterhin freilich trennen sich die Wege: Biaiik wird zur Pathetik geführt, Tschernichowski zur Epik, und .der Jüngste, Jakob Kahan, zum Gedanklichen (und merkwürdigerweise auch zum Musikalischen). Biaiik also ist Volljude, Tschernichowski list am wenigsten jüdisch, ja antijüdisch, ist Hellene, soweit ein Jude Hellene sein kann; besser könnte man ihn einen Juden mit dem Willen zum Hellenentum nennen. Jakob Kahan hingegen stand zunächst jenseits des Gegensatzes, auf einer jüdisch-menschlichen Grundlage. Im Laufe der Zeit aber haben sich diese Grenzen verschoben; Biaiik ging vom Jüdischen zum Allgemein-Menschlichen über, Tschernichowski kehrte zum Volke zurück und schuf seine volkstümlichen Idyllen (Gordon und Mapu hatten uns nur historische Idyllen geben können), und Jakob Kahan mußte schließlich über dieselben Hindernisse straucheln, die sich jedem um seine Freiheit ringenden Juden entgegenstellen, und verlor sein seelisches Gleichgewicht. Diese drei sind Dichter von bereits fest ausgeprägter Form mit reifen Werken. Die andern sind noch mehr oder weniger verheißungsvoll, mehr oder weniger entwickelt, jedenfalls noch nicht abgeschlossen, noch nicht reif. Der einzige, der mit den Großen noch zusammen genannt werden könnte, ist Schneur, kraftvoll und gereift zwar, aber noch nicht in vollem Umfange zu erfassen. Die anderen haben bereits ihren „Sturm und Drang" hinter sich und werden uns kaum noch eine Ueberraschung bereiten. Unsere Großen gleichen Pyramiden, die schon bis zur Spitze aufgeführt sind, deren Umriß aber noch nicht vollendet ist und der Ausfüllung harrt. 'Bei Biaiik und Tschernichowski kann der Bau vielleicht noch höher geführt werden (seitdem diese Gedanken zum ersten Male niedergeschrieben wurden, ließ sich dies bei Biaiik in der Tat konstatieren). Und bei Jakob Kahan, der eine Sonderstellung eingenommen hatte, machen sich Anzeichen bemerkbar, daß er neue Wege sucht und sich von dem Albdruck des Messianismus und Prophetismus zu befreien. trachtet. Jedenfalls ist die Annahme berechtigt, daß sich seine Entwicklung in derselben Weise weiter bewegen wird. Bei Schneur dagegen ist noch alles in Gährung; wir sind noch keineswegs vor Ueberraschungen sicher; ob seine jetzige Form die endgültige ist, läßt sich noch nicht übersehen. Darum können wir ihn noch nicht zu der Zahl der Vollendeten rechnen.

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