Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 5 (1920-1921)
- Issue
- Heft 10
- Article
- Bialik und die moderne hebräische Dichtung
- Date
- 1920-01-01
- Page
- 581 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/3101111-3101163-3101172-3106085--4519-3106133- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Bialik und die moderne hebräische Dichtung 581 ganz außerhalb des Lagers der damaligen Nationalisten. ,Sie waren die Fortsetzer der Maskilim, aber neben dem Verstände kam nun auch das Gefühl zu seinem Recht und vor allem — sie hatten Nerven. Das war etwas Neues. Nerven in diesem Sinne waren bei uns bis damals unbekannt, und gerade sie befruchteten unsere Lyrik, namentlich die in Prosa gedichtete. Was gereimte Dichtung anbelangt, (die uns hier hauptsächlich beschäftigt) so reicht Perez, an Selbständigkeit und lyrischem Empfinden, nicht an Frischmann heran. Bei PerezJ hält esfll fast schwer, ein rein lyrisches Gedicht zu finden, es sei denn eine Uebersetzung oder eine Nachdichtung, und diese sind nicht einmal besonders gelungen. Frischmanns beste Lyrik ist freilich ein Produkt späterer Jahre. Und doch war es diese Zeit, die auf die Dichtung der 90 er Jahre am stärksten eingewirkt hat und unserer neuesten Literatur zum Segen geworden ist. Unsere größten Dichter haben sich in der Epoche der 90 er Jahre und den darauf folgenden 15 Jahren entwickelt. Dieses Vierteljahrhundert ist für unser geistiges Leben eine Zeit schwerer Zusammenstöße gewesen, hat aber dafür die Synthese von Leben und Geist zuwege gebracht. Die Gegensätze Umwelt und Ghetto, Mensch und Jude, Einzelner und Gemeinschaft, die schon die Dichtung der Haskalah und der Zeit der|„Einkehr" bewegt hatten, kamen nun besonders zum Austrag oder;gingen in dieser Dichtung der „Reihaissance" eine Verschmelzung ein. Der Mensch, die Außenwelt, dies wurden nun die bestimmenden Faktoren unserer Dichtung. Sie lehrten sie Anschauung, Beschreibung, Denken, ja Leben. (Unser Rationalismus war Klügelei, Dialektik gewesen, nicht wahres Denken!) Sie gaben ihr den Instinkt frei, der bisher, als einer niedrigeren Sphäre entstammend, in der Dichtung verpönt war. Geschmack, auswählende Kritik, Maß und Maßstab wurden durch sie bestimmt. Sie entwickelten ihre Sinne und eröffneten ihr weite Horizonte. Und der Jude seinerseits erschloß ihr seine verborgenen Schätze. Er vertraute ihr seine Leiden, seinen Schmerz und seine Qual an, machte sie zur Aussprache seines Herzens fähig, tränkte sie mit seiner Erbitterung und seinem Groll, heftete seine Ironie an sie und wies ihr den Weg zur Wahrheit und zum Glauben an die Zukunft. Fremde Epik und Gedankenwelt und eigene Lyrik und Pathetik traten in der neuen Dichtung nebeneinander auf oder verschmolzen harmonisch ineinander. Der Abgrund zwischen Europa, und dem Ghetto war überbrückt; ein neuer Jude mit neuen Idealen gund allgemein-menschlichen Lebensformen erschien. Der Mensch im Juden hatte sich durchgesetzt. Der Dichter war in seiner Seele freigeworden von der Last des Ghettos und der Diaspora. Um so stärker empfand er nun ihren Druck und die Pflicht, für die Freiheit des Volkes den.Kampf gegen sie zu führen. Mensch, Jude, Individuum, Gesamtheit, Weib, Leben, Natur — zu all diesen hatte sich das Verhältnis gewandelt, und eine neue Beziehung hatte sich entwickelt: die zur Kunst. Das Schöne wurde zu einer wesentlichen Forderung der Seele. Eine neue Einstellung zur Zukunft war nun gegetea.