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Der Jude · 1920-01-01 · Heft 10 · p. 583

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Jude
Volume
5 (1920-1921)
Issue
Heft 10
Article
Bialik und die moderne hebräische Dichtung
Date
1920-01-01
Page
583 (sequence 8)
Language
German
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S. J. Agnon: Der Verstoßene 583 Bialik als der jüdischste von all diesen Dichtern bedeutet die logische Fortsetzung der Epoche, die ihm vorausging. Tschernichowski und Jakob Kahan haben den Anstoß zu ihren Schöpfungen wesentlich von der nichtjüdischen Welt erhalten. Gewiß haben auch viele Einflüsse der jüdischen Dichtung auf sie eingewirkt, und durch die Bibel, die Aggada, die sephardische Epoche, die Dichter der vorangehenden Zeit sind sie wenigstens in sprachlicher Hinsicht zu dem geworden, was sie sind. Ihren Stoff aber haben sie zum großen Teil fremden Kulturen entnommen. Sie standen doch besonders unter der Einwirkung von denjenigen unserer Dichter, die uns die nichtjüdische Welt wieder erschlossen haben. Da nun unsere Dichtung in ihrer letzten Entwicklungsstufe den Uebergang vom Jüdischen zum Allgemein- Menschlichen vollzogen hat, so ist der wichtigste*Ueberleiter Bialik, der Nachfolger Gordons und der Romantiker der 80 er Jahre. Deren Grenzen hat er später überschritten, aber dabei läßt sich in ihm doch so etwas wie eine Synthese von ihnen feststellen. Denn selbst bei Gordon ging trotz seiner Theorie das Jüdische dem Menschlichen voran, nur daß Gordon ein negierender Jude war, negierend freilich nur im Bereiche der Anschauungen und Empfindungen, die das Eigene betrafen. Aus diesem Bereich ist er fast nie hinausgetreten, während Tschernichowski und Jakob Kahan — wenn nicht in zeitlicher, so doch in logischer Folge — schon die Fortsetzer Bialiks sind, die die hebräische Dichtung nach den verschiedensten Richtungen hin erweitert haben. Bialik nun ist, ganz abgesehen von seiner elementaren, dichterischen Kraft, durch die er alle überragt, auch in Hinsicht auf Sprache und Ausdrucksfähigkeit der bedeutendste von ihnen. Seine Sprachschöpfungen und Wortfügungen haben denen seiner Nachfolger erst die Wege gebahnt. Er ist es, der den dichterischen Ausdruck unseres Zeitalters gestählt hat. So sehen wir in Bialik den eigentlichen Vater der neuhebräischen Dichtung.___ S. I AGNON I DER VERSTOSSENE (Aus dem Hehräischen von Max Strauß) III. Kapitel Das Sterben def Rechtschaffenen 1. Leben und Tod. Trauer ruhte über dem ganzenHause. Man hörte eine stille Stimme, und verhaltenes Weinen flatterte umher. Auf dem Krankenlager lag Edele schon zahllose Tage, und keine Heilung gab es für ihre Krankheit. Sie, die reine und lautere Seele — nicht ein einziges ihrer Kinder hatte sie noch unter den Trauhimmel geführt, und schon flogen die Minuten ihres Lebens wie die Adler hin. Der Arzt hatte ihr schon alle Arten von Arzeneien gegeben, doch wenn Gott nicht seine Hilfe aus dem Heiligtum schickt, ist Menschenhilfe vergeblich. Einmal um das andere schlug Edele die Augen auf und blickte in den

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