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Der Jude · 1920-01-01 · Heft 10 · p. 580

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Jude
Volume
5 (1920-1921)
Issue
Heft 10
Article
Bialik und die moderne hebräische Dichtung
Date
1920-01-01
Page
580 (sequence 5)
Language
German
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58o Jakob Rabinowitz: die lebensfeindlichen. religiösen Fanatiker, schuf er zuweilen ein bedeutendes nationales Poem. Doch bei aller Kraft, aller Erbitterung, allem Pathos fehlte ihm das lyrische Element, und dieser Mangel raubte ihm die Reinheit des Geschmacks, die Sicherheit der Kritik. Als er im späten Alter, abgeschieden von der Welt, für sich sein Lied sang, war die Zeit für reine Poesie nicht mehr empfänglich; auch war der Schwung seiner Dichtung bereits erlahmt; er konnte die Herzen nicht mehr bezwingen. Die Chowewe-Zion-Bewegung der 80er Jahre, jene Gegenströmung, an der J. L. Gordon zugrunde ging, war dennoch für die Dichtung in gewisser Hinsicht ein Segen. Man wandte den Blick wieder dem Eigenen zu. Die Aufklärung wurde vom Nationalismus abgelöst, statt der Anklage wurde die Verteidigung gehört. Realismus, Lebensanschauung, Wirklichkeitssinn, all dies war vergessen und galt als Makel. Dafür erhielt das Herz Bürgerrecht, und die Lyrik stieg im Werte. Dolitzki hatte nur Klagen und ein wenig Sehnsucht im Herzen. Konstantin Schapira war ein kraftvoller Lyriker, und die Tragik seines Lebens (er war getauft, hegte aber grimmigen Haß gegen das Christentum) brachte einen trotzig aufbegehrenden Ton in seine Poesie. Seine Neigung zur Romantik hätte ihn zum wahren Dichter machen können, wäre nicht sein starkes Talent wie in Dolitzki im Rationalismus erstickt. So wurde keiner von ihnen Gordons Erbe. Mane, der sich instinktiv von Gordon zu Micha Joseph Lebensohn wandte, fiel wie dieser der Schwindsucht zum Opfer; die echt dichterischen Anlagen in ihm gelangten nicht zur Entfaltung. Die andern, die Kleinen und Vielzuvielen, erlagen der süßlichen, falschen Sentimentalität der nationalen und der religiösen Bewegung. Diese Romantik gab uns damals nicht, was sie uns hätte geben sollen; das Religiöse war erstarrt oder voll billiger Empfindsamkeit, und Zion wurde zur tönenden Phrase im Munde von Schwätzern. Und als Stoff für die Romantik war die jüdische Gasse zu armselig. Das war nicht Sehnsucht nach einer fernen, von blühendem Leben erfüllten Vergangenheit, nicht jener Traum, den Micha Joseph, Mane und Gordon geträumt, sondern Heimweh nach dem Gettho, nach der Körper und Seele einengenden Judengasse. Und auch die Auffassung vom Ghetto war durchaus oberflächlich. Es war nicht eine Romantik, die der Aufbäumung des Gefühls entsprang, sondern nur eine Vernunftreaktion. Das Hirn erkannte das Recht des Herzens an und ließ sich herbei, die Herrschaft mit ihm zu teilen. Nur kümmerliche Blüten konnte diese „Renaissance" treiben. Der Boden harrte einer anderen, fruchtbareren Saat. Und hier traten nun Frischmann und Perez in die Erscheinung. Die Erneuerung unserer ganz auf das Jüdische gerichteten Dichtung ging wieder von denen aus, die ein Fenster nach der nichtjüdischen Welt öffneten. Europäertum! Micha Joseph brauchte diesen Ruf nicht ertönen zu lassen; seine Seele war europäisch. Hier aber wurde das Wort zur Parole, namentlich bei Frischmann. Perez war zwar anfangs noch stark von der Richtung der 80 er Jahre abhängig, dann aber blieben beide

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