Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 5 (1920-1921)
- Issue
- Heft 10
- Article
- Bialik und die moderne hebräische Dichtung
- Date
- 1920-01-01
- Page
- 579 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Bialik und die moderne hebräische Dichtung 579 Nur einmal, beim Tode des Sohnes, schwangen die Saiten des Herzens mit und ließen eine ergreifende Klage ertönen. Aber es war doch nur die Stimmung eines Momentes. Und auch diese Verse gingen in einem Schwall von Worten unter. Es war eben nur Selbsthypnose. UnmittelbaresEmpflnden zeigt sich erst bei jenemSohnMichaJosephLebensohn. Er war der erste wirkliche Dichter. Die wertvollsten Elemente der spanisch-arabischen Epoche, Gabirols hoher Gedankenflug, Mosche ibn Esras philosophische Lebensanschauung und Jehuda Halevis nationales Pathos, erbten sich in ihm fort. Und dabei verstand er es bei aller Zartheit, auch die Herzen zu erschüttern. Seine Darstellung ist freilich zur Plastik noch nicht gelangt, seine Anschauung ist noch nicht entwickelt genug. Aber wahrscheinlich hätte er, der große Sänger, der Schöpfer der neuhebräischen Dichtung werden können, wäre er nicht bereits im Alter von 24 Jahren der Schwindsucht zum Opfer gefallen. Wäre aber dio Zeit für den großen Dichter schon reif gewesen? Vielleicht hätte er denselben Weg genommen wie der größte Dichter der Haskala, Jehuda Leib Gordon, hätte sich wie jener ganz der Polemik und Publizistik ergeben. Die Macht des Rationalismus war damals zu groß. Doch hatte Micha Joseph Lebensohn zuviel seelische Einfalt und lyrische Tiefe, um diesem Einfluß zu erliegen. Seine in kleinen und wenig zahlreichen Uebersetzungen bewiesene Neigung zu den Klassikern, seine außerordentlich fein entwickelten kritischen Fähigkeiten — vor und nach ihm ohne Beispiel dastehend — die ihn befähigten, in der Dichtung Spreu und Weizen zu sondern (eine Gabe, die selbst J. L. Gordon abging) wiesen ihm deutlich seinen Weg und hätten ihn doch wohl vor dem superklugen Rationalismus bewahrt. Lebensohn erstickte nicht im Ghetto, in dem beschränkten Kreise der Heimat. Er ging schon damals — in den 40 er Jahren des vorigen Jahrhunderts — nach Berlin, um bei Schelling Vorlesungen zu hören. (Der Einfluß der deutschen Klassiker bewirkte übrigens, daß er sich dann fremden Stoffen zuwandte; erst Samuel David Luzzatto und Zunz führten ihn wieder zu den nationalen Motiven zurück). Durch Micha Josephs Tod wurde die Entwicklung der hebräischen Poesie um vielleicht 50 Jahre aufgehalten. Jehuda Leib Gordon, der zum Epiker unserer Dichtung befähigt gewesen wäre, hätte er einen gebahnten Weg und eine ausgebildete Sprache vorgefunden, mußte diese Arbeit nun selbst leisten, mußte versuchen, der Sprache und der Dichtung einen realen Ausdruck zu verleihen, dadurch daß er sie zum Leben hindrängte. Sein Rationalismus tat seiner Dichtung Abbruch, und der Haskalakampf, die Notwendigkeit, um die elementarsten Lebensfreiheiten, ja um die Luft zum Atmen zu ringen, trieb ihn von der reinen Poesie fort. Der größte Dichter der Haskala konnte uns wahre Poesie nicht geben. Zu sehr verachtete er die Stimme des Herzens, zu stark glaubte er an die Macht des Intellekts. Gewiß erhob ihn der Haskalakampf zuweüen zur Höhe eines menschlich-dichterischen Stoffes; im Widerstreit mit seiner Zeit, als Protest gegen