Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 5 (1920-1921)
- Issue
- Heft 10
- Article
- Bialik und die moderne hebräische Dichtung
- Date
- 1920-01-01
- Page
- 578 (sequence 3)
- Language
- German
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578 Jakob Rabinowitz: dann die Aufmerksamkeit auch auf die eigene alte Poesie und führte zur Nachahmung der darin enthaltenen Vorbilder. Es entstand der Wille zum Dichten, ja eine merkwürdige Selbsthypnose: man zwang sich zum Dichten. So wurde man dahin gebracht, sich in das Wesen der dichterischen Gestaltung zu vertiefen, den Regungen des eigenen Herzens zu lauschen, um die verloren gegangene Befähigung zum Dichten wieder zu erlangen, und wurde allmählich reif zu wahrem dichterischen Empfinden. Gleichzeitig erwachten weitere Volkskreise zu kulturellem Leben, Schichten, die sich ihre Instinkte noch in voller Stärke bewahrt hatten, und durch diese Befruchtung auf dem Wege einer synthetischen Verschmelzung, für die breiteren Volksmassen freilich erst mittelbar durch Uebertragung der Empfindungen aus einem gesprochenen Idiom in eine Schriftsprache, entstand schließlich jene Dichtung, die vor 150 Jahren mit den Berliner Meaßfim begann und erst mit unserer Moderne sich zum Range einer dieses Namens würdigen Poesie erhob. Unter Schmerzen wurde diese Poesie zur Welt gebracht, mühselig wuchs sie heran. Mit dem Dichter und Kabbalisten Mosche Chajjim Luzzatto wurde die spanisch-italienische Dichtung zu Grabe getragen. Seine Nachfolger unter den Sephardim entlockten ihrer Leier nur selten wahre dichterische Klänge; meist wirkten sie, als ob sie nur durch einen Spalt einen verstohlenen Blick in das Innere des verschlossenen Tempels der Poesie geworfen und eine verglimmende Kohle vom Altar entwendet hätten. Der Lebensquell des sephardischen Judentums war versiegt; seine Seele kapselte sich ein. Das aschkenasische Judentum, das eben begonnen hatte, die Fesseln seiner Theologie abzustreifen, bestand aus ganz anderen Elementen und mußte mit seiner Dichtung ganz von vorn anfangen (so wie es heutzutage in Palästina die jungen Sephardim tun). Versuche, die sephardische Poesie nachzuahmen, mißlangen. Naphthali Herz Wessely, der, neue Wege suchend, der nichtjüdischen Poesie folgte, war kein echter Dichter. Der Ungar Salomo Lewinsohn verschwendete seine Kraft in literarischen Versuchen und starb in jungen Jahren. Es gelang ihm wohl, ein wunderbares Poem über die Dichtkunst zu schreiben, zur eigenen Produktion kam er nicht. Der Klassizismus fehlt so der hebräischen Dichtung, wie der russischen. Mosche Chajjim Luzzato war noch Schüler des Italieners Guarini gewesen; er bewegte sich zwischen zwei Polen, der Schäferidylle und dem allegorischen Lehrgedicht. Im Zeitalter des Klassizismus gab es nur Melizahversuche in der hebräischen Poesie. Diese beginnt eigentlich erst mit der Romantik, und zwar natürlich mit Lyrik, nicht mit Epik. Der alt-junge Letteris, der sonst im Schrifttum das Greisenhafte seiner Zeit verkörperte, verfaßte doch auch dann und wann leichtgeschürzte Tändeleien. Erst in dem Wilnaer Adam Hakohen Lebensohn gelangte die intellektuelle Poesie zu einer gewissen Reife. Indes, so leichtflüssig die Verse seiner Feder entströmten, so anmutige Bilder der Dichter auch hervorzauberte, man merkte doch, daß der Intellekt alle Regungen des Herzens erstickte, und so ließ seine Kunst bei allem Temperament kalt.