Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 5 (1920-1921)
- Issue
- Heft 10
- Article
- Bialik und die moderne hebräische Dichtung
- Date
- 1920-01-01
- Page
- 577 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Bialik und die moderne hebräische Dichtung Lebensgefühl — und dennoch müssen wir die zentrale Stellung Bialik zuerkennen. Der Dichtergenius braucht seine Bedeutung nicht in allen Zweigen der Poesie zu erweisen (auch Goethe stellt nur eine Synthese dar!). Seine Bedeutung besteht vielmehr darin, der Brennpunkt zu sein, der das Schaffen all seiner Vorläufer sammelt und zukunftverheißende Strahlen hinaussendet. Und diese Stellung nimmt Bialik in unserer Dichtung ein. Will man ihn verstehen, muß man wissen, was vor ihm da war. Scheint es doch, als ob die Dichtergenerationen eines ganzen Jahrhunderts nur dafür gelebt haben, ihrem genialen Erben den Stoff zu bereiten. II. Wer jedoch hier ein Schema einer allmählichen organischen Entwicklung erwartet, wird vergebens danach suchen. Das Auf und Ab, daß uns in der Geschichte jeder Nation entgegentritt, ist bei unsern anormalen Lebensbedingungen kein Aufstieg und Niedergang schlechthin, sondern es sind Katastrophen, die die Form, ja oft auch den Inhalt unseres Lebens einschneidend verändern. Daher geht jedes neue Zeitalter bei uns gewissermaßen wieder von den Uranfängen aus. Unsere Dichtung bricht fast immer mitten in ihrer Entwicklung ab auf Grund äußerer gewaltsamer Erschütterungen, die inneren Zusammenbruch im Gefolge haben. Während aber die beiden ersten Epochen unserer Poesie, die biblische und die aggadische, noch aus einer lebenden Sprache schöpfen, sich daher auf Volksdichtung stützen und ein normales natürliches Wachstum haben (mit der Geschichte der Gebete und der Aggada haben sich die Nichtjuden bisher nur wenig befaßt; wir haben daher noch kein Schema für ihre Entwicklung), dichten die letzten Zeitalter, das heißt die spanisch-italienische Epoche und die moderne Literatur, nur in einer Schriftsprache, stehen somit auf einer viel künstlicheren Grundlage. Nicht von gesunder, jugendfrischer, volkswurzelnder Dichtung gehen sie aus, sondern von schwächlicher, kraftloser Nachahmung. Daher der wesentliche Unterschied in ihrer Entwicklung: Die biblische und die aggadische Dichtung entströmen den natürlichen Instinkten, und durch ihre Verschmelzung mit dem sich entwickelnden Intellekt erheben sie sich zu einer Dichtung der Empfindung. Die spanisch-italienische Dichtung und die Moderne jedoch schlagen den umgekehrten Weg ein, vom Mittelbaren zum Unmittelbaren. Von der Nachahmung also ging diese Poesie einer dem mündlichen Gebrauch entfremdeten Schriftsprache notwendigerweise aus. Die Aufklärung erschloß den Juden die Poesie der Umwelt, eine Dichtkunst, die zunächst mehr Verstandesals gefühlsmäßig aufgenommen wurde. Die fremde Dichtung erweckte das Verlangen nach Poesie überhaupt. Der unbewußt in den Herzen wirkende Nationalstolz forderte, daß wenigstens ein Teil dieser neuentdeckten Schätze der eigenen Literatur zugeführt werde, und trieb zu Uebersetzungen und Nachahmungen. (Von den ersten Dichtern der modernen hebräischen Litteratur, aber auch von denen der spanischen Zeit wird dieses Motiv wiederholt offen ausgesprochen.) Und der nationale Stolz lenkte