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Der Jude · 1920-01-01 · Heft 10 · p. 564

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Journal
Der Jude
Volume
5 (1920-1921)
Issue
Heft 10
Article
Der heutige deutsche Antisemitismus
Date
1920-01-01
Page
564 (sequence 8)
Language
German
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564 Arnold Zweig: Der heutige deutsche Antisemitismus nach Brods Vorgang, Felix Weltsch analytisch darlegte*). Hiermit hatte die Assimilation sich selbst überwunden: ein Vorgang von ungemeiner Bedeutung für uns alle, so daß von ihm noch einmal die Rede sein muß. Wie aber, darf man nun fragen: wenn die Assimilation an Europa dem Juden so ungemeine Befreiung, Bereicherung, schalensprengende Befruchtung war und ist: wozu dann ihre Ueberwindung? Warum nicht vielmehr ihre energische Propaganda? Was soll der sentimentale, romantisch-rücksehende und -sehnende Protest eines Deutschtums, welches nur ein Wunschbild ist, vorder quellenden und bewegenden Macht eines realenDaseins gelten, welches die Fruchtbarkeit des Juden für die Neugestaltung des deutschen Geistes jeden Augenblick bewiesen sieht, bewiesen durch eine Liste von schaffenden Deutschjuden, deren jeder einmalig und unwegstreichbar im Bilde der deutschen Gegenwart ein Färb- und Formelement ist? Was auch soll die nervöse Empfindlichkeit des Juden vor momentanem Widerspruch anderes besagen, als daß zu seinem Sein ihm noch das Bewußtsein und zu seiner Leistung noch der Stolz fehle? Ob einzelne deutsche Schichten, ja das ganze Volkihn refüsiere, kann ihm nichts als augenblickliche Verstimmung anhaben, denn vor den Augen der Zukunft und vor gerechtem Gericht weiß er sich fehllos und am Ort. Kaum ist er demverwirrend-lähmendenDruck entronnen, den leider derDifferenzaffekt in sein zentralstes Selbstgefühl suggerierte: er sei, als Jude, a priori unschöpferisch, nur nachahmend, zersetzend zuletzt, wirksam, sein Gestalten sei artistisch, seine Wissenschaft vermittelnd, sein Verhältnis zu letzten Dingen abgeleitet und undenkbar ohne die Vorschöpfung anderer Völker — kaum hat sich diese selbst von Juden geistigen Ranges angenommene Verzweiflung am eignen Wesen aufgelöst in die Komikabsprechender, auf ungeduldig unzureichender Erfahrung beruhender Fehlurteile: da soll, wieder unter dem Seitenblick auf den Differenzaffekt, die ganze fruchtbare geistige Strömung, die so viele bedeutende Individuen geschaffen hat, verneint, aufgehoben, unter negative Vorzeichen gestellt werden? Hat man den Mut zur Konsequenz, so befürworte man die Assimilation, erleichtere sie und, in Formen, über die noch zu verhandeln wäre,' sanktioniere sie vor dem jüdischen Gewissen. Man hätte dann den Anstand und Vorteil, sich vor einer unhemmbaren Entwicklung nicht lächerlich zu machen, denn was man auch immer sage, im neuen Reiche muß mit der Logik chemischer, osmotischer Gesetze der Austausch der Seinsweisen innerhalb des Staates noch weit breiter vor sich gehen als im alten. Seibst wenn der Differenzaffekt dann zeitweise wachse: unter der Optik der Dauer gesehen müsse er schließlich, je weniger Juden bemerkbar seien, wieder, und diesmal für immer, abnehmen; das gehe aus dieser Untersuchung selbst hervor. Werden die Juden aber, verführt vom Leben, als Menschen der Daseinsfreude und der Praxis Assimilanten, d. h. Liebende des Deutschtums und also Deutsche, *) In der bezwingend einsichtigen, so knappen wie durchdachten Schrift: Nationalismus und Judentum (Weltverlag 1920).

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