Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 5 (1920-1921)
- Issue
- Heft 10
- Article
- Der heutige deutsche Antisemitismus
- Date
- 1920-01-01
- Page
- 563 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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Der heutige deutsche Antisemitismus 563 Reichtum — all das mußte zusammenwirken, um den schöpferischen Juden, den modernen graeculus, im deutschen Geiste zu erzeugen. Dazu aber kommt noch, als wichtigstes: daß die geistige Atmosphäre aller westlichen Länder durch drei, vier internationale Faktoren nach einerlei Richtung geweht wurde, so daß um 1890 der Unterschied des französischen vom deutschen, englischen oder italienischen Geiste geringer ist als je seit der Regence: überall die Wirkungen des Kapitalismus und der sozialen und sozialistischen Ideen, überall Entkirchlichung und Sinn für die „Realität«, überall der naturalistische Einfluß der großen Russen und gesellschaftskritischen Skandinavier und als Gegenstoß das dandystische Künstlertum, aber dahinter die Anbetung der Form und des reinen Kunstwerks; da überall die gleichen Faktoren wirken, wer wundert sich über die Verschwisterung und Entnationalisierung der geistigen Produkte? Und da auch die Antlitze der Nationen sich anähnelten, wer wundert sich, daß es dem Juden leicht werden konnte, allen ähnlich zu werden? Nehmen doch Ehegatten im Verlaufe weniger Jahrzehnte sogar körperliche Ähnlichkeiten miteinander an. Als Rausch überkam den Juden die Möglichkeit der Assimilation. Frei sein dürfen, Ausströmen der Kräfte nach allen Seiten, Einatmen eines neuen Zeitwinds und der hellsten Morgenstunde, gehen, laufen fliegen lernen in einer Atmosphäre ohne Druck, ohne Last der Tradition; dazu Rausch der Wissenschaft, kritisch gesicherter Erkenntnisse jenseits entweder radikal verworfener oder der wissenschaftlichen Weltanschauung amalgamierter religiöser Überlieferung; weiter Rausch eines ungeheueren Zuwachses an Reichweite für Wirkung und Erlebnis — das Individuum projiziert auf die weite Fläche der deutschen Welt durfte wieder wachsen auch im Wirklichen, nicht nur Spiritual oder phantasiehaft — und endlich der einer ästhetischen Kultur, die den Juden als Volk seit Spanien gefehlt hatte, eines neuaufgerissenen Kontinents von Werten, Erschütterungen, Entzückungen, Nachschöpfungs-, endlich Schöpfungsmöglichkeiten: all das ist selbstverständlich Geschenk der Assimilation an die jüdische Seele. Und es ist abermals selbstverständlich, daß sich eine zuerst nachahmende, deutsch-imitatorische Haltung der assimilierten Juden, soweit sie Schöpfer wurden, allmählich von einer immer intensiver judaisierten Färbung durchdrungen sah, ebenso wie die Wertung des Jüdischen als Wesenselementes in den assimilierten Seelen sich^langsam von der bewußten und haßvollen Verleugnung jedes Zusammenhangs mit Judentum wieder mit einer ton- und gradweis gestuften aber deutlichen Bejahung des jüdischen Elementes durchtränkte, so daß zuletzt die Assimilation an den europäischen Nationalismus die Gefahr der Assimilation selbst entscheidend verschob: nicht mehr die Existenz des Jüdischen, sondern seine Essenz ward das Bedrohte, eine falsche Konzeption und Vorstellung vom Wesen Jdes jüdischen Volkes trat ein und ward schließlich überwunden durch die Konzeption des echten jüdischen Nationalismus, wie ihn Buber synthetisch und jüngst erst,