Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 5 (1920-1921)
- Issue
- Heft 10
- Article
- Der heutige deutsche Antisemitismus
- Date
- 1920-01-01
- Page
- 562 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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562 Arnold Zweig: Asphaltmensch jüdischer Abstammung, wovon quillt er über? Nirgendwo daheim sein, heißt nicht Weltbürger sein, sondern Luftmensch, wenn man nicht durch irgendein Schöpfertum legitimiert ist. Der Schaffende ist schlimmstenfalls in seiner Arbeit zu Hause und alle anderen Schaffenden können — wenn der Differenzaffekt nicht die wahrere, wildere Wahrheit an den Tag bringt — als sein Volk gelten. Der unproduktive Großbürger aber, abgesehen von persönlichen Werten, als Klasse gepackt: ist er für ein Volk das Ideal, das seinen Untergang rechtfertigen könnte? Was galten die einstigen Hellenen noch, als sie die graeculi der späten Römer geworden waren, summarisch gewertet? Und genau das hat die Assimilation aus den deutschen Juden gemacht: die graeculi. der späten Deutschen, die sich so gerne als neue Römer sahen. Hierin waren sie's: Großgrundbesitz, Großfabrikation, die ganze Verwaltung, das ganze Heer als Reservate des Bodenvolkes.. Karriere in ihnen, Leistung in ihnen für den Staat, Ausprägung der Person in ihnen das Ideal des jungen Deutschen. Ganz unbemerkt und verspottet begibt sich das, was sie selber regelmäßig nach 20—80 Jahren als ihre Kultur in Anspruch nehmen: die Dichtung, Kunst, Wissenschaft, Lebensgestaltung der Zeit — und die verachtete Presse. Da die Technik im Kriege Trumpf ist, gilt sie als werbender Beruf; und die deutschen Dichter, im Phrasendeutsch die Blüte der Nation, bestehen seit 1890 nur noch, wie die Musiker von Rang, die kämpfenden Maler, die Bühnen und Bibliotheken, dank der Existenz von deutschen Juden, Sie, erstens, sind das breite Publikum der großen Städte, sie sind zweitens die Erkenner der neuen Qualitäten, die Werber drittens für diese Qualitäten und ihre Abstempler, und, letzter Grad der Assimilation: sie werden ihre Erzeuger. Und all das nicht allein aus den Säften des deutschen, sondern immermehr auchihresjüdischenWesens, in Tempo, Haltung, Aufrichtigkeit letzter Konsequenzen, in Zielen, Mitteln und Wertreliefs durchaus von den Deutschen früherer Zeit verschieden. Dieser Prozeß begibt sich in der ganzen Breite des geistigen Reiches. Daß er schon jetzt, nach knapp fünf Generationen der Assimilation, bis zur letzten Station gedrungen ist und jüdische Schöpferkraft, als wär's das natürlichste Ding der Welt, Begabungen jeder Art und jeden Ranges produziert, in jedem geistigen Reiche, gehört zu den Wundern des jüdischen Blutes und zu den Glückszufällen, die selten so auftreten: zwei Jahrtausende jüdische Geistigkeit, eingesperrte Vitalität — das Ghetto und der harte Kampf ums tägliche Brot als Staubecken — relativ reinen Volkstums, ein erstarrtes jüdisches Kulturskelett ohne blühendes und werbendes Fleisch; Oeffnung eines industriell bearbeiteten Marktes für den eben losgelassenen Juden (fast gleichzeitig dringen der Dampfkessel und der Jude auf die europäische Wirtschaft ein), ästhetisches Verschmachtetsein des Juden, ästhetische Fruchtfülle des Deutschen, Umlagerung der Anziehungszentren für die deutschen Begabungen durch das Auftreten Bismarcks, Sterilisierung des deutschen Geisteslebens, dafür Befruchtung des jüdischen durch dasselbe Medium: den wachsenden