Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 5 (1920-1921)
- Issue
- Heft 10
- Article
- Der heutige deutsche Antisemitismus
- Date
- 1920-01-01
- Page
- 561 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Der heutige deutsche Antisemitismus 5Ö1 Literaten deutscher Zunge mit jüdischen Stoffen, Tendenzen, Werten, vielleicht weniger assimiliert als die Assimilanten? Von Wilna aus betrachtet ist der Schattierungunterschied hohnvoll komisch . . . Wir sind alle assimiliert und wir alle wissen es. Daher die dumme Großmäuligkeit unserer zionistischen Flegeljahre sich verloren hat, nicht ohne sehr geschadet zu haben. Und diese Assimilation ist selbstverständlich an sich gar kein negativer Wert. Sie wird es erst, oder wird ein Positivum, je nach der Kraft der Seele, die ihr standhält und sie umdeutet. Wollen wir vielleicht den alten Lehrer Rabbi Elasar Chisma, der in den Pirke Aboth Geometrie und Astronomie für peripheres Wissen verglichen mit Thora und Talmud erklärt, und der also beide Kreise des Geistigen kennen mußte, für weniger wertvoll oder jüdisch geringer erachten? Der gesamte europäische Kulturkreis voll befeuernder und beglückender Erlebnisse soll vielleicht vom Juden ferngehalten werden, nur weil Assimilation eine Gefahr ist? Seien wir vielmehr so dreist uns für so stark zu halten, daß diesen Kulturkreis mit seinen Menschen- und Wertebildnern wir uns assimilieren, ohne uns an ihn zu verlieren! Wer denkt denn auch daran, wenn man die Palästinenser fragt oder die Jugend des Ostens, diese Wertewelt zu ignorieren! Entweder erweitert, lockert und befruchtet das Judentum sich aus diesem Europa, nimmt zur eigenen Problematik noch diese fremde ins Blut, reizt die eigene ethisch-lebensgestaltende Uranlage durch Beimengung neuer sozialer Ideen, komplementiert sie durch die ästhetischkunsthafte Gestaltung von Lebensfülle und vorbildhafter Menschlichkeit, kreuzt sie durch alle Wissenschaft der Erde, bereichert sie durch alle Technik und Spezialisierung des Alltags und wirft überhaupt die Frage des jüdischen Seins mitten in der Gegebenheit des zwanzigsten, elektrischen Jahrhunderts auf— oder man ist ein rührender Romantiker, aber kein Wegweiser eines lebensfähigen Volkes. Die Assimilation ist die Voraussetzung der jüdischen Wiedergeburt und nichts weniger. Und warum greift ihr sie dennoch an? Warum beschleunigt ihr sie nicht vielmehr? Warum erhellt ihr das dunkle und stille Reich, in dem sie wie alle Verkohlung vor sich geht, durch Fragestellung, öffentliches Wort und die bremsende Sammlung der Jugend um judaisierende Parolen? Was fällt, auch noch zu stoßen — habt ihr diese Weisheit des Lebens vergessen? Und wir antworten: hier fällt nichts, hier wirft sich etwas weg, das bewahrt zu werden verdient; hier hebt leichtfertig und ohne Not ein Volksteil sich selber auf, um am Ende etwas sehr Bezweifeinswertes und Verfrühtes zu erzeugen, eines jener Zerrbilder guter, werttragender Wirklichkeiten, die wie Schatten den eigentlichen Gestalten vorausfallen: den modernen Großstädter, den Gebildeten der Gegenwart, das Publikum — als Zerrbild nur und vorfallender Schatten des guten Europäers anzusehen, als eine künstlich überhitzte und mißliche Frühgeburt. Denn der Europäer tritt aus einem Volkstum heraus mit dem er ganz gesättigt ist wie Rolland oder sieht sich gekreuzt durch zwei Blutströme wie Heinrich Mann; worauf aber stützt sich der