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Der Jude · 1920-01-01 · Heft 10 · p. 560

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Jude
Volume
5 (1920-1921)
Issue
Heft 10
Article
Der heutige deutsche Antisemitismus
Date
1920-01-01
Page
560 (sequence 4)
Language
German
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56o Arnold Zweig: Man gehe doch zu diesen Assimilanten, man frage sie, was vom Judentum in ihrer Jugend sie erlebten! Man erinnere sich selbst, was man davon erfuhr, in den schimpflich öden Unterrichtsstunden, von denen niemand mit Ehrfurcht sprach und die von den ledernsten und hilflosesten „Pädagogen" uns aufgezwungen wurden; im Elternhaus, das von der Not des Tages keuchte, in den Kreisen der Städte, in denen man erwuchs, ohne irgendeinen liebenswerten oder imponierenden Menschen, der durch sein pures Leben als Jude dem jungen Herzen einen unvergleichlichen Impuls gegeben hätte, und gar in den Bethäusern, den „Tempeln"! Wo ist ein deutscher Jude der "älteren Generationen, der nicht, statt die Ostjuden als lebenspendendes Zentrum unseres Volkes und als Grund der Erhaltung auch des deutschen Judentums ausdrücklich mit nationaler Ehrfurcht uns zu deuten, als wir noch jung waren, sich selber beengt und verlegen von den „Polnischen" in Kaftan, Stiefeln, Mütze tmd Pejes abgewandt hätte, wenn er sie auf der Straße traf — und damit die national schwächeren Elemente auch unter den Ostjuden zur Entjudung ermutigt hätte? Wo ist der große jüdische Gotteslehrer, der imstande wäre, das religiöse auf Glauben und Gottsuchen eingestellte Herz so zu entflammen, wie die mit Jesu Beispiel und einer ungeheuren geistigen Luzidität arbeitende katholische Kirche es vermag? Wo ist überhaupt die Institution, die unsere jüdische Spiritualität der schon halb den jüdischen Sprachen entfremdeten Jugend verständlich machte, wo die große leidenschaftlich erfühlte Darstellungskraft, die dieser Jugend aus der Riesenschar vorbildhafter Juden auch nur einige Führer und Leiter herzlich nahe brächte? Statt einer religiösen erregenden und zeugenden jüdischen Atmosphäre gab es in Deutschland nur jüdischen Wissensstoff und engbegrenzte traditionstreue Frömmigkeit, deren liberales Deutschtum sie an jeder wahrhaft aktiven und werbenden jüdischen Haltung verhinderte. JDiese Frommen, diese nur in Religionsübung jüdisch lebende, sonst ganz deutsch assimilierte Orthodoxie, im öffentlich-kulturellen Leben feige, in jüdischen Angelegenheiten bis zur Schiiripflichkeit, so feige wie die Großpresse, die ihnen in allen nichtjüdischen Dingen (und unbewußt in wieviel jüdischen!) die Meinung macht und die sich bis zum Kriege und noch heute vor öffentlicher Erörterung jüdischer Zentralprobleme drückt: diese jüdische Orthodoxie ist an der Assimilation im schlechten Sinne hauptschuldig, ja sie, der Lektüre von Frankfurter Zeitung, Berliner Tageblatt und Vossischen Zeitung oder ihren Hamburger, Breslauer und rheinischen Kopien ergeben wie die entfremdetsten Kreise, sie, die ihren Einfluß niemals dazu benutzte, diese von Feigheit in Judaicis geradezu stinkenden Journale zu entscheidender Haltung zu zwingen, ist der eigentlichen und entwertenden Assimilation Hauptträger. Man hinkt auf beiden Beinen, wenn man Jude zu Hause und Mensch auf der Gasse ist. Und sind unsere nationaljüdischen Bürger, die Nationalisten chauvinistischer Observanz, die Zionisten der Ortsgruppen, die Studenten der deutschen Hochschulen, die wandernden Jugendbünde, hervorgerufen vom Wandervogel, die

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