Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 5 (1920-1921)
- Issue
- Heft 10
- Article
- Der heutige deutsche Antisemitismus
- Date
- 1920-01-01
- Page
- 559 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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- IRI
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Der heutige deutsche Antisemitismus 559 das moralische Niveau nicht nur der Abwehrenden, in denen der Differenzaffekt immer heftigere Entzündung bewirkt, sondern noch mehr in der ganzen andrängenden Masse, die zur Selbstverfluchung, zu schlechtem Gewissen gegen ihr Sein und zu allerlei Selbsterniedrigungen, Schlichen und Kniffen, Rankünen und Ressentiments verführt wird. Es gibt ganze jüdische Gesellschaftskreise, deren Sprechart, wenn sie auf Nichtjuden zu reden kommen, sofort all die Verzerrungen und Selbsterkrankungen anzeigt, welche in sonst vielleicht sehr braven Menschen, denen nur leider das Bewußtsein ihres Volkswertes als Juden abgeht, von diesem Streben nach Entjudung und Eindeutschung verursacht wird. An Wert abnehmen, indem man glaubt und will, daß man daran zunehme, und Abstoßung erwecken gerade dadurch, daß man andrängt: wenn für den impassiblen Betrachter hier Quellen der Komik fließen können — für uns als Juden, denen das Bestehen (und dies als Mindestwunsch!) des Judenvolkes um seiner Werte und seiner Aufgabe willen Axiom unseres eigenen Seins ist, zeigt dieser freiwillig und gern versickernde Fluß seine tragische Erscheinungsform. Denn wir verlieren Unglaubliches dabei. Neben und eingemengt in moralisch abnehmende Zerfallselemente gehen immer und immer wieder Scharen von Individuen an uns vorüber und hin zum Deutschtum, in ihm zu verschwinden, die zum Edelsten gehören, was irgend Völker erzeugen können: Gelehrte, ganz besessen von einer Aufgabe allgemeiner Art, Religiöse, deren Geistigkeit sich dem Christentum ergibt, so inbrünstig wie nur Juden diese europäisierte und vergriechte Emanation des Judentums erleben können, Künstler, die ihr Schaffenstrieb in die Sphäre der deutschen Kunstwelt hineinweist, Frauen, wie nur Jüdinnen Frauen werden, ganz Gleichgewicht des Instinkts, des Intellekts und des Leibes, und die ihrer Liebe nachgehen hin zu deutschen Männern (wie deutsche Frauen zu jüdischen); und die wir am schmerzlichsten entbehren: Menschenführer jeder Art, Volksführer, die aus dem Elend einer ganz vom Kapital und Mehrwertwurm zerfressenen Zeit zu den Massen gehen — aber nicht zu den jüdischen des Ostens, sondern zu den deutschen ihrer Umweltstädte. Was hat man für all diese, die unsere Schöpferkraft am deutlichsten bezeugen, die unsere Legitimation in der Gegenwart und Unterpfand unserer Zukunftshoffnungen sind, für einen gemeinsamen Namen erfunden? Einen Schimpf- und Spottnamen im Munde jedes zionistischen Schmocks? Man nennt sie Assimilanten und bläht sich dabei. Wohlan: sehen wir diesem Worte und den Sachverhalten dahinter ins Gesicht: was berechtigt uns, diese Fortgehenden anzuklagen? Daß sie des Judentums überdrüssig sind, ja, daß es für sie überhaupt keine Existenz hat oder sie abstößt: sind sie dafür verantwortlich? Oder nicht vielleicht das widerliche und schmachvoll feige, in Unkenntnis seiner eigenen Werte und ohne Gefühl nationaler Verpflichtung, zu sein, was man ist, dahinwankende Volkstum selbst — dahinwankend, seit ihm die Emanzipation den Wagen des Ghetto genommen hat, auf dem es gesicherter in die Zukunft fuhr! 37*