Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 5 (1920-1921)
- Issue
- Heft 10
- Article
- Der heutige deutsche Antisemitismus
- Date
- 1920-01-01
- Page
- 558 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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- IRI
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558 Arnold Zweig: die geschmacklosen Freuden ihrer ganzen Gesellschaft dem Judentum zur Last gelegt, das, und mit vollem Recht, dann für sie, schwächlich wie auch immer, aber dennoch zur Mensur antritt. Mit Recht: denn sosehr wir den einzelnen, nachweislich korrupten, entarteten und gar verbrecherischen Juden der allgemeinen und berechtigten Strafe und Verachtung preisgeben, er möge nun zu der Zone des Kerns, der Grenze oder des Zerfalls gehören, so sehr empfinden wir, daß das Auge, welches die Laster dieser Zerfallszone mit wilder Schärfe sieht, und der Mund, der das Gesehene laut ausschreit, unter demselben Diktat des Differenzaffekts handeln, der sich gegen die reinsten, erhabensten und fruchtbarsten Seiten und Auswirkungen unseres jüdischen Seins wendet. Eisner und Levine, dem Judentum abgekehrt und gebunden in der wie gegen alles Nationale so auch gegen uns wirkenden sozialistischen Welt, sind uns Helden und teuerer Besitz, dem Antisemitismus aber noch leidenschaftlicheres Angriffsziel als irgendwelche jüdischen Schieber: sollte uns das nicht nachdenklich machen, wenn dieser selbe Differenzaffekt sich gegen eine Gesellschaft richtet, die, uns tiefst antipathisch, fremd, ja bis zum Haß feindselig, doch nicht ihres moralisch-ästhetischen Mankos wegen so wild attackiert wird — denn dieselben Pöbeleien nichtjüdischer Kreise bleiben still geschont — sondern weil sie, so vag auch immer, Juden heißen? Hier ist schwieriges Gebiet für uns, und nur der Einzelfall kann hier entschieden werden. Überall aber darf man vorsichtig sein, wenn unser eigenes Gefühl mit dem Differenzaffekt in einer Richtung wirken will: wir meinen stets Verschiedenes, diametral Entgegengesetztes, selbst wenn wir dieselben Worte gebrauchen sollten und die gleichen Fakta uns erbittern: wir dürfen hassen, weil wir lieben — er kann mit Recht weder das eine noch das andre. So auch haben nur wir, nicht er, ein Auge für die melancholische Tragik über der deutschen Judenheit aller Lager. Es ist keine brennend großartige Untergangstragik; eine graugelbe, lähmende, langsam bröckelnde, erhebungslose Tragik vielmehr liegt über ihr, sie versickert wie ein Fluß im Sande, verbrennt nicht abendrotgroß am wolkichten Horizont. Je intensiver sie ihrem Drang zur Deutschheit hin folgt, desto mehr verliert sie zuerst am Werte des Charakteristischen, erzeugt den physiognomielosen Großstädter und vermindert das Bild der menschlichen Typen in Deutschland um die charakteristische, besondere und scharfumrissene Gestalt des Juden. Ferner aber erregt sie gerade damit den Differenzaffekt in den zentralsten und empfindlichsten Wertsphären: nicht mehr politisch, nicht mehr ökonomisch, sondern geistig-kulturell ist das Abwehrgefühl gegen sie dann bestimmt, und dadurch am wenigsten beeinflußbar durch Abwehr, Widerlegung, Kompromiß; an Vererbbarkeit mit der Bedeutung der als vom Juden gefährdet empfundenen Seelen- und Werteschicht wachsend, nähert er sich wieder jenem religiösen Überbau, der durch ein Jahrtausend vorgehalten hat. Und in dem fortgesetzten Hin und Wider von Andrängen und Abgewehrtwerden leidet auch