Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 5 (1920-1921)
- Issue
- Heft 10
- Article
- Der heutige deutsche Antisemitismus
- Date
- 1920-01-01
- Page
- 557 (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/3101111-3101163-3101172-3106083--4491-3106109- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
ARNOLD ZWEIG / DER HEUTIGE DEUTSCHE ANTISEMITISMUS enseits dieser Grenzzone aber leben als Individuen, versprengt, national Cl ohne Bewußtsein, die meisten deutschen Juden. Alle Großstädte sind ihrer voll, nichts verbindet sie miteinander als die Abstammung von intensiveren Juden als sie selbst sind, und die Scheu vor dem Schnitt zwischen sich und jenen. Ob Handlungsgehilfe, Reisender, Arzt, Großhändler oder Literat: dies, und ihre liberal-politische Grundhaltung — bei jenen mehr links, bei anderen mehr rechts orientiert — hält sie zusammen. Sie suchen ihresgleichen im Verkehr, es ergibt sich, daß sie meist mit Juden gleicher Art zusammenkommen, weil sie dort vor Antisemitismus sicher sind, den sie wie Zionismus als Attacke mit Ärger empfinden, folgenlos empfinden. Wie es in den vorher skizzierten Schichten moralisch verwerfliche Einzelne gibt, gibt es sie auch' hier, hier aber in der sichtbareren Zahl, weil sie ohne andere als individuelle Bindung leben müssen. Und ebenso gibt es unter ihnen eine erschütternde Fülle wertvollster Einzelner, deren persönliches Sein unantastbar ist und die oft nur aus Mangel an jüdischen Gehalten und Werten ihrer Jugendumwelt in diese Vereinzelung gerieten, oft aus leidenschaftlicher selbstvergessener Begeisterung für deutsche Kultur und deutsche Werte sich aus dem jüdischen Zusammenhang lösten, oft auch in der Hingabe an über- und widernationale Ideenwelten (Wissenschaft, Sozialismus, Kunst), bewußt jede besondere und absondernde, ihrer Idee widersprechende Bindung durchschnitten. Aus ihren Reihen kommen die aus dem Judentum durch Austritt oder Taufe Auscheidenden — und die Umkehrenden. Das Gros aber dieser Schicht ist der allgemeine irgendwie jüdisch genannte, überall sichtbare Großstädter, das heftigste Ziel des Antisemitismus. Und nur, wenn sie von ihm getroffen werden oder auch nur, wenn sie auf irgendwie anders begründete Hemmungen und Angriffe stoßen, empfinden sie sich als Opfer ihres Judentums. Jeder Gauner, Schieber und Jobber ruft dann den Schutz und das Gemeingefühl einer Gemeinschaft an, von der er sich sonst durch die alles tötende radikale Gleichgültigkeit getrennt hat; und umgekehrt wird jede Verfehlung eines dieser Einzelnen oder Heft m 37 Vier Aufsätze II. Antisemitismus als jüdische Angelegenheit C. Der jüdische Anteil