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Der Jude · 1920-01-01 · Heft 8-9 · p. 555

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Jude
Volume
5 (1920-1921)
Issue
Heft 8-9
Article
Religionswissenschaft
Date
1920-01-01
Page
555 (sequence 9)
Language
German
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Umschau:' Religionswissenschaft $55 irgendeine noch so problematische und vereinzelte „Stelle**,, um sie als Beleg für jene >,Wesenszüge" anzuführen. Das ist in den Fällen, für die Fromer ja nur ein typisches Beispiel ist, überhaupt charakteristisch: daß jedes Wort eines über ganze Jahrtausende sich erstreckenden Schrifttums unbeachtet seines Urhebers und dessen Persönlichkeit als Selbstbekenntnis der Juden angesehen wird. „Die Juden" seien so oder anders beschaffen, „die Juden" hätten diese oder jene Wesenseigenschaften, „die Juden1' zeigen solche oder andere Tendenzen auf — Beweis: irgendein Vers der Genesis oder der Propheten oder des Priesterkodex oder der Geschichtsbücher, irgendeine Stelle irgendeines Talmudtraktates oder der Midraschim oder des Neuen Testaments oder der Apokryphen oder der Alexandriner oder der Dichter und Philosophen der islamischen Zeit usw. Man stelle sich einmal vor, daß die verschiedensten literarischen Erzeugnisse des deutschen Volkes bloß der letzten zwei Jahrhunderte, von Kant und Goethe angefangen bis zum letzten Zeitungsschreiber herab, bunt und wirr durcheinandergeworfen, einer späteren Generation vorliegen würde. Was würde man da nicht, wollte man nach der gekennzeichneten Methode vorgehen, für herrliche und vollkommene „Wesenszüge" der Deutschen herausfinden. Und umgekehrt, was für abstoßende und verdammenswerte „Instinkte" könnte man da „bloßlegen", die den Deutschen eigentümlich wären. Weiß das Fromer nicht? Nicht nur das riesengroße talmudische, sondern das weit kleinere biblische Schrifttum stellt in der überlieferten Form ein Chaos von zeitlich und wesentlich auseinander- Hegendsten Quellen dar, die außer der Gemeinsamkeit der Sprache höchstens nur noch die der theologischen Interessen seiner verhältnismäßig jungen Redakteure aufweisen. Und wir haben erst neulich gesehen, wie man bei einem bißchen bösen Willen oder, was ja auch vorkommen soll, einiger Unwissenheit „die große Täuschung" und die schädliche Beeinflussung „bloßlegen" kann, deren sich die Bibel an der Menschheitskultur habe zuschulden kommen lassen. Und nun gar das talmudische Schrifttum, das nach Fromer selbst schon vor den Makkabäern beginnt und bis in die Gegenwart läuft Was läßt sich da mit der angegebenen Methode nicht ausfindig machen? Alles. Buchstäblich alles. Das hat Fromer einwandfrei bewiesen.. „Die Juden" hätten ursprünglich — vor vier Jahrtausenden nämlich — in der syrisch-arabischen Wüste gelebt, daselbst Viehzucht getrieben und ein nomadisches Leben geführt. Das haben zwar viele: andere Völker und Stämme auch, aber trotzdem hätten sich daraus wahrnehmbare „ Wesenszüge" entwickelt, aus denen wir das unwahrnehmbare Wesen, das Ich, die Persönlichkeit *des . Judentums erraten müssen. In der Tat: ^die Juden" haben immer eine einheitliche Weltauffassung bekannt. Siehe Genesis, Spinoza, Jesaja und Karl Marx. Daraus folge, daß „die Juden" einerseits die Absolutheit des Denkens und des Handelns anstreben und verkünden — siehe Jesus, Talmud usw. — und andererseits völligen Mangel an Unterordnung und systematischer Disziplin aufweisen, siehe Korah, Josephus und die Spaltung des Reiches unter Salomon. Ein weiterer Wesehszug „der Juden" sei, daß sie in ihren sittlichen und religiösen Handlungen ausschließlich auf das Zweckmäßige und Gewinnbringende — also offenbar nicht auf das Absolute — eingestellt sind. Siehe Pentateuch, die Schüler des Antigonus (nicht diesen selbst!) und andere, Dessenungeachtet gehöre es aber zum Wesen derselben Juden, daß sie von einer unausmerzlichen Weltbeglückungssucht besessen seien. Siehe von Abrahams Verheißung über Deutero- Jesaja bis zum Manifest von Lassalle. Dieses läßt sich zwar nur schlecht mit der Zweckmäßigkeit vereinbaren — aber was tut das? ^,Die Juden" hätten noch einen anderen Wesenszug, der mit der Welterlösung im Widerspruch stehe, nämlich den Trieb zur Isolierung, zur Absonderung, zu nomadischer Zurückgezogenheit. Siehe Joseph und seine Brüder, Philo, Talmud usw. Und nicht nur „die Juden", auch der Gott, den „sie" sich nach ihrem Ebenbild geschaffen haben, besitze „Wesenszüge", die ganz denen seines Volkes entsprächen. E r macht seine Kinder im Paradies auf den Baum des Wissens aufmerksam und läßt sie dann durch die Schlange verführen. Er sehnt sich nach einer Messiaszukunft, aber er tut nichts, um dergleichen herbeizuführen. Er stattet sein Lieblingsvolk zum Muster aus und sperrt es dann in einen Tälmudismus ein. So ist eben der Gott „der Juden": schwankend, widerspruchsvoll, von Verwirrung zu Verwirrung schreitend. Die jüdischen Theologen hätten Gott als Schöpfer der Welt verkündet Aber wie merkwürdig: „die Juden*1 konnten ihren Gott nie erfassen. Und als Moses nach seinem Namen fragt, bekommt er ausweichenden Bescheid. Da kam endlich eines Tages Spinoza und — befreite den jüdischen Gottesgedanken in einer Weise, die den Begründer der mathematisch aufgebauten „Ethik" einigermaßen überrascht haben dürfte. Aber Spinoza gab bloß die Idee, Fromer zeigt, wie sie verwirklicht werden muß: Weltbund, jüdisch-heidnische Synthese, zwecklose Erkenntnis, Intellektualisierung der Massen . % . Genug. Es ist wirklich höchste Zeit, daß der Talmud aus dem unkontrollierbaren Bereich der Phantasie in das der realen Wissenschaft verlegt werde. Und daß die Beurteilung seines We-

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