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Der Jude · 1920-01-01 · Heft 8-9 · p. 554

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Jude
Volume
5 (1920-1921)
Issue
Heft 8-9
Article
Religionswissenschaft
Date
1920-01-01
Page
554 (sequence 8)
Language
German
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Umschau: Religionswissenschaft dieser Tatbestand richtig und wünschenswert und gerechtfertigt sei, ob nicht ein biblisches oder gar prophetisches Judentum vorzuziehen gewesen wäre — aber Tatbestand istYund bleibt's,. Nicht ganz und restlos. Gewiß. Zu allen Zeiten, war eine dünne, wenn auch sehr bedeutsame Schicht lebendig, eine unversiegbare, unbeirrbare :Geistesrichtung, die eine gradlinige und kontinuierliche Entwicklung des klassischen Prophetismus darstellt. Mehr noch; auch das jüdische Individuum neigt zu dieser Richtung hin, um derentwillen wir oben das geistige Judentum als das Volk der Religiosität bezeichnen konnten. Aber das Gros, das empirische, das offizielle, das synagogale Judentum ist ein talmudisches. Es wurzelt im Talmud, atmet seinen Geist, handelt nach seinen Gesetzen, lebt in ihm, baut auf ihn. Was aber ist der Talmud? Was enthält dieses Schrifttum, in das ein Volk viele Generationen hindurch seine ganze sprichwörtliche Geisteskultur legte, das fast ein Jahrtausend zu seiner Vollendung brauchte? Wir besitzen eine eigene Wissenschaft des Judentums, aufgebaut mit allen modernen Forschungsmitteln, getragen von schaffenden Geistern, aber diese Frage hat sie noch nicht beantwortet, ja sie ist noch nicht einmal systematisch an sie herangegangen. Der Talmud ist heute noch ein Büch mit sieben Siegeln. Wie erfahren wir nun aber, was dieses gigantische religiöse Dokument des exilischen Juden-, tums darstellt? Was es über Gott und den Menschen lehrt? Was über Seele und Jenseits? Was ihm gut und böse ist? Inwiefern es in den religiösen und sittlichen Grundbegriffen und in der Weltanschauung überhaupt von .der Bibel abweicht? Mit Dissertationen, Editionen und Zitatensammlungen ist den Fragen nicht beizukommen. Es handelt sich um den Talmud als Grundlage zum Verständnis des Wesens und Gewordenseins des Judentums. Der Talmud muß der allgemeinen wissenschaftlichen Forschung, der Soziologie, der Völkerpsychologie, der Geschichtsphüosophie, vor allem aber der Religionswissenschaft zugänglich gemacht werden- Aber nicht durch einzelne Ausgaben und Übersetzungen, die seine nur den Wenigsten zugängliche Form bloß mit anderen Worten wiedergeben und so die Schwierigkeiten nur noch ver* größern, sondern durch eine sprach- und ge-; schichtskritisch orientierte Systematisierung seines gesamten Inhalts. Die historisch überlieferte Form des Talmud muß überwunden werden. Sein Wesen muß uns wichtiger sein. Alle seine Lehren, Sprüche, Entscheidungen über eine und dieselbe Materie müssen, historisch geordnet, kritisch bearbeitet und sachlich analysiert, ein systematisches Ganzes bilden. Ohne die vor-, angegangene Umformung und sinngemäße Überwindung seiner Gestalt ist eine allseitige Erforschung seines Wesens nicht möglich. Den Hochschulen, Förderungsgesellschafteh, Forschungsinstituten, vor allem dem Verein zur Gründung und; Erhaltung einer Akademie für die Wissenschaft des Judentums sei es mit allem Nachdruck ans Herz gelegt: der Boden des talmudischen Judentums muß endlich der allgemeinen Forschung zugänglich gemacht, d e r T a 1 m u d muß systematisiert werden*). Welche Bedeutung, und Dringlichkeit dieser Forderung beizumessen ist, zeigt die Tatsache der immer häufigeren „Theorien" des Judentums, "die alle „quellenmäßige*1 Geltung beanspruchen, weil sie auf mehr oder weniger talmudischen Zitaten aufgebaut sind, und in letzter Zeit auf diesem Gebiete immer größere Verwirrung hervorrufen; zeigt vor allem das Buch Fromers, obwohl er selbst, wie schon erwähnt, die Forderung nach einer Neugestaltung der talmudischen Wissenschaft nachdrücklich hervorhebt. In einem Kapitel, das über den Rahmen einer sachlichen Studie weit hinausgeht, das er aber als den Zweck dieser bezeichnet, sucht Fromer Wesen und Psyche, Wert und Unwert des Talmud und, was damit identisch ist, des Judentums „bloßzulegen" und für dessen Erlösung, Befreiung und Zukunft den Weg zu zeigen. Noch immer in faszinierender Form — diese kann Fromer nicht genug nachgerühmt werden —, aber mit welchem Unmaß von;Einfalt, Willkür und Verworrenheit Was wird bloß auf diesen vierzig Seiten, auf denen Fromer die tiefsten Kräfte und Instinkte, das gesamte intellektuelle, religiöse und moralische Tun eines Volkes schildert, wertet und richtet — was wird da nicht alles durcheinandergeworfen: Metaphysik, und Biologie, Erkenntnislehre und Völkerpsychologie, Theologie und Rassenkunde, Po-, iitik und Erlösungslehre. Man könnte über dieses Kapitel des Fromerschen Buches wie über die vielen ähnlichen, mehr oder weniger konfusen „Theorien" mit einem alles verstehenden und alles verzeihenden Lächeln stillschweigend vorübergehen, wenn ihm nicht eine historische Skizze voranginge und ein monographischer An* hang folgte, die beide beachtenswerte und verläßliche Leistungen darstellen und die daher geeignet sind, dem unbefangenen Leser auch dies Kapitel als maßgebend erscheinen zu lassen. So kritisch, so gründlich philologisch und historisch orientiert Fromer sonst dem Quellenmaterial gegenübersteht, genügt ihm, wo es ihm um die „Bloßiegung" der „Wesenszüge" zu tun ist, *) Es sei hier indessen auf Täub ler s prograrn- * matischen Artikel im Korrespondehzblatt der Akademie hingewiesen, wo auf S. 14 .{Jg. 1920); der Plan einer Neuorientierung der talmudiöchen Wissenschaft ernsthaft erwogen wird.

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