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Der Jude · 1920-01-01 · Heft 8-9 · p. 556

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Journal
Der Jude
Volume
5 (1920-1921)
Issue
Heft 8-9
Article
Religionswissenschaft
Date
1920-01-01
Page
556 (sequence 10)
Language
German
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556 Umschau: Religionswissenschaft seris, Gehaltes und Charakters nicht mehr von der jeweiligen „Weltanschauung" des Beurteilers abhänge, sondern das positive, sachlich eindeutige Ergebnis der systematischen Erforschung dar* stelle. Aber in noch größerem Maße als die Dringlichkeit einer Systematisierung des Talmud zeigt das Beispiel Fromer die Dringlichkeit und Notwendigkeit, die bisherigen Ergebnisse und vor allem die Methoden der Religionswissenschaft in den Dienst der allgemeinen Forschung zu stellen und sie nach Tunlichkeit auch weiteren Kreisen zuzuführen. Dieser willkürlichen Deutung religiöser Erscheinungen, mit der ja Fromer leider nicht vereinzelt dasteht, diesem mutwilligen „Bloßlegen*1 und Ableiten urreligiöser Phänomene aus irgendwelchen nomadischen „Instinkten" und nationalen „Wesenszügen" muß ein prinzipielles Ende gesetzt werden. Die meisten religiösen Tatsachen, auf die Fromer seine Beurteilung „der Juden" aufbaut, sind ebensowenig auf die Einzigartigkeit des jüdischen Volkes zurückzuführen, wie die Tatsache des kausalen Denkens der Griechen auf die Logik des Aristoteles. Der Vergleich ist mit buchstäblicher Präzision zu verstehen. „Die Juden", von denen Fromer auf jeder Seite seines Buches spricht: auf fast jeder Seite sind es grundsätzlich andere „Juden". Vor allem aber: in den allermeisten Fällen, die Fromer anführt, handeln sie nicht als Juden, sondern als Menschen. Dasselbe gilt vom jüdischen Gott. Der Gott des Abraham und der des Arnos oder des Deutero- Jesaja haben miteinander nichts zu tun, können also nicht beide zugleich als Gott „der Juden" angesehen werden. Und wie wenig in den beiden letzten Beispielen überhaupt vom „jüdischen** Gott gesprochen werden kann, ist schon oben angedeutet worden. Dieser Begriffsverwirrung muß endlich abgeholfen werden. Die Religionswissenschaf t^, lehrt uns in den mannigfaltigen historischen und ebenso in den psychischen Vorgängen des religiösen Lebens bloß scheinbar verschiedene Erscheinungen eherner, ewiger, immer sich gleich bleibender Gesetze der Religion des Menschen erkennen, Ihre historisch komparative Betrachtungsweise und ihre Grunderkenntnisse der Orientierung weiterer Kreise zu ermöglichen, erscheint nach den hier erörterten literarischen Erscheinungen in der Tat allerhöchste Zeit. Ein interessanter Vergleich zwischen dem Urteil eines jüdischen Talmudgelehrten und dem eines christlichen Theologen ergibt sich, wenn man dem Kapitel über „Wesen und Zukunft des Talmud*' des Fromerschen Buches die Broschüre „Was verdankt die Welt den Pharisäern?*4 von R. Travers Herford*) gegenüberstellt/Wie bei Fromer fußt auch der Herfordsche Versuch, das Wesen des Talmuds zu beurteilen, auf einer vorangegangenen, überaus gründlichen, vorzüglichen Quellenarbeit über „Das pharisäische Judentum*'. Wenn Herford schon in diesem, inzwischen in weiteren Kreisen bekannt gewordenen Buche gezeigt hat, wie sehr die Größe seines wissenschaftlichen Verstehens und die seines menschlichen Empfindens Hand in Hand gehen, so legt er hiervon in seiner neuen Broschüre ein klassisches Zeugnis ab. Freilich: auch er erblickt in der Religion des Judentums eine einzigartige, unvergleichbare Erscheinung, auch er spricht noch von der Religion des Volkes statt vom Volk der Religion, Aber mit welcher Zurückhaltung hinsichtlich der „letzten" Ursachen oder der uferlosen Fragen über „Zähigkeit der Rasse*', „Erhaltung der Eigenart", mit welch bescheidenem Vorbehalt jedes echten Weisen und Gelehrten. Voller Demut und Ergriffenheit steht Herford vor dem Heroismus geschiehtT liehen Schaffens, geschichtlichen Glaubens, geschichtlichen Leidens, den er im talmudischen Judentum erkannt und erlebt hat, und dessen Segnungen an die Menschheits- und Geisteskultur auch anderen zu zeigen er sich zur Aufgabe gemacht hat. Dieses Büchlein Herfords ist ein Wert an und für sich. Es darf auch nicht ausschließlich wissenschaftlich beurteilt werden, Sein menschlicher Wert ist wichtiger. Es ist ein persönliches religiöses Bekenntnis, das sich zur Höhe des Kunstwerks erhebt. Irgendwo im Talmud, wenn mich mein Gedächtnis nicht täuscht, im Traktat Qidduschin, heißt es ungefähr: Die Welt kann ebensowenig als der Gerberei der Juwelierkunst entbehren; heil ihm, der letztere zu seinem Beruf macht. „Ich überlasse es jedem," sagt Herford, „die Schwächen des Talmuds von den Lastern und Fehlern der Pharisäer herzuleiten. Ich wähle die andere Seite." J. Obermann *) Übersetzt aus dem Englischen von Rosalie Per! es, mit einem Geleitwort von Felix Perl es. Verlag Gustav Engel, Leipzig. Berichtigung ' ■ In Heft 5/6 ist auf S. 298, 2. Anmerkung, anstatt „Judenhetze" zu lesen: „Judentage", und auf S.340, Z.5 v. u. anstatt „jauschwei": „hoisch". Fttc die Redaktion rwantwoitlich: Dr. Güster Krojanker, Berlin. — Jüdischer Vertag, Berlin. — Druck von Oecnr Brand* * , rtetter In Leipzig.

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