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Der Jude · 1920-01-01 · Heft 8-9 · p. 553

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Jude
Volume
5 (1920-1921)
Issue
Heft 8-9
Article
Religionswissenschaft
Date
1920-01-01
Page
553 (sequence 7)
Language
German
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Umschau:; Religionswissenschaft satzes zwischen den „wahren** und den ebenso wahren „falschen** Propheten. Bei aller Über* zeugung des Menschen Jesaja von der Unzerstörbarkeit der Burg Israel muß er als Prophet diesem selben Israel immer und ewig zurufen: „Wehe, sündig Volk!" Und bei allem starken nationalen Empfinden Jeremias muß er den Tempel des Volkes eine „Räuberhöhle** nennen. Nicht gegen das empirische Volk in seinem nationalen, staatlichen, politischen Tun ist die unversöhnliche Empörung des Propheten gerichtet, sondern gegen eine Religion des Volkes, gegen eine solche Sittlichkeit» Gegen eine Religion, die immer, und sei sie auch noch so „monotheistisch**, national bedingt ist; gegen eine Sittlichkeit, die, und liege ihr selbst das Deuteronomium zugrunde, an den nationalen Grenzen selbst eine Grenze findet. •. Nein. Eineobjektive,einegeschichtliche, eine wissenschaftliche Würdigung desjeremia muß bei 'dem heutigen Stand der Religionsforschung mit ganz anderen Methoden und in einem ganz anderen Zusammenhang durchgeführt werden, als dieses bei Auerbach der Fall ist. Hoffen wir aber, daß uns Auerbach in dem in Aussicht gestellten zweiten Teil seines Werkes, der eine kritische Ausgabe des Jeremia-Textes bringen soll, ersetzen wird, was er schon im ersten Teil hätte geben sollen und leider vorenthalten hat: sein persönliches, subjektives, unmittelbares Jeremia-Erlebnis, das in der Wiedergabe des Urwortes entscheidend zum Ausdruck kommen kann. Wir sind zu dieser Hoffnung durchaus berechtigt. Eine Probe seiner eindringlichen Empfindungsart für den ihn offensichtlich besonders ansprechenden Propheten und seiner verständnisvollen und doch diskreten Darstellungsweise hat uns Auerbach schon in dem Kapitel „Das Leben Jeremias** gegeben, das dem ersten Teil als Anhang angegliedert ist. Aber auch das ganze Buch durchzieht, freilich überwuchert von „wissenschaftlicher** Konstruktion und Analyse, die lautere, geklärte Religiosität und der unbestechlich ethische Tiefblick eines Mannes, der den Mut hat zu den schönen, wahren, aber in ihren letzten Konsequenzen gefährlichen Worten: „Jüdisch im geschichtlichen Sinne ist nur die Anschauung, die im klassischen Prophetentum wurzelt.** IV. Wenn man in Auerbachs Buch sich durch den schwerfälligen Stil und die neblige Komposition mühsam durcharbeiten muß, um zu der festen, eindeutigen Gesinnung des Autors zu gelangen, so verhält sich dieses bei dem dritten zu besprechenden Werk fast entgegengesetzt. -Hier ist Stil und Darstellung von so bestrickender Klarheit, Form und Komposition Von solcher Frische und Anziehungskralt, daß sie über die höchst schleierhafte, überaus dunkle persönliche Tendenz des Verfassers hinwegleaen läßt. Das muß besonders betont werden; selten ist ein Werk über eine so schwierige und komplizierte Materie bei aller Gründlichkeit und Verläßlichkeit der sachlichen Kenntnis in so plastischer und packender Einfachheit, in so übersichtlicher Disposition geboten worden wie in diesem „Talmud** von Fromer»). Selbstverständlich nicht so, daß der Verfasser — was er zwar, wie noch gezeigt werden soll, beabsichtigt hat — uns Über das Wesen, den Gehalt, den Wert, die religiöse Struktur und die sittlichen Systeme des Talmud restlos oder auch hur zum Teil Aufklärung gäbe. An dieser Aufgabe werden noch Generationen zu arbeiten haben. Aber alles, was man in einem gemeinverständlichen, auch für Laien gedachten Buch über die Vorgeschichte des Talmud, seine sachliche GHedc* rung, dialektische Methodik und formale Gestalt sagen kann, hat Fromer im ersten Teil seines Buches mit gewissenhafter Berücksichtigung sowohl der Quellenwie auch der modernen fachmännischen Literatur zu sagen versucht, und in einer Form, die bei allen wissenschaftlichen Schriftstellern Nachahmung finden möge, Dem ganzen Buche läßt Fromer einen ziemlich umfangreichen Anhang folgen, worin einzelne Persönlichkeiten, Parteien und Materien monographisch behandelt werden, wobei freilich hie und da größere Ausführlichkeit und kritische Quellenbehandlung wünschenswert gewesen wäre. Der Laie wird indessen auch den „Anhang** dankbar durchnehmen und froh sein, wenn nicht viel, so doch das Wesentliche über manches zu erfahren, was er sich sonst nur schwer zugänglich machen könnte. Eine Frage sei hier berührt, auf die — allerdings in einem anderen Sinne und zu anderen Zwecken, als dieses hier gemeint ist — nachdrücklich hingewiesen zu haben ein Verdienst Fromers ist. Eine Frage, die für das Verständnis des Judentums von allergrößter Bedeutung ist und der endlich alle gebührende Aufmerksamkeit zugewendet werden muß. Das Judentum, wie es seit rund zwei Jahrtausenden in den verschiedensten Ländern und Gegenden lebt, die mannigfaltigsten Sprachen spricht, den wesentlich auseinanderliegendsten Kulturen angehört uhd doch etwas organisch Ganzes ist, nach innen wie nach außen eine Einheit darstellt — dieses konkrete, lebendige Judentum schlechthin ist ein talmudisches Judentum. Man würde sich sicherlich darüber unterhalten können, ob *) Jakob Fromer, Der Talmud, Geschichte, Wesen und Zukunft, Verlag Paul Cassirer, Berlin,

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