Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 5 (1920-1921)
- Issue
- Heft 8-9
- Article
- Religionswissenschaft
- Date
- 1920-01-01
- Page
- 552 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 98% known words query
- IRI
…/3101111-3101163-3101171-3105925--4482-3106063- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
55? Umschau: Religionswissenschaft es den Autor selbst so anmuten. Er wird vielleicht sagen, daß erstens das Problem der Religion und das der Prophetie doch nicht eins und dasselbe sei und daß er zweitens wohl vom Menschen,, aber von diesem bestimmten, konkreten Menschen, von der einzigen, einmaligen Persönlichkeit Jeremias, also doch von einer besonderen, singulären Erscheinung ausgehe. Nichts« destoweniger kommt an vielen Steilen des Buches die gekennzeichnete Problematik ganz unzweideutig zum Ausdruck. Mag sein, daß es unwillkürlich geschieht, dann ist es aber um so symptomatischer. Sicher ist allerdings, daß Auerbach die Konsequenzen dieser Problematik nicht zieht und daß sein Buch daher im ganzen über das Niveau der üblichen Abhandlungen über den Prophetismus nicht wesentlich herauskommt So schon im ersten Kapitel, wo der Gegensatz zwischen dem „wahren" und dem „falschen" Propheten behandelt wird — ein Gegensatz, den Auerbach ohne nähere Begründung, aber mit vollem Recht als den „Schlüssel zum Verständnis des Prophetentums" bezeichnet. S „Wer ist ein wahrer, wer ein falscher Prophet?" Vergeblich erhofft der Leser eine klare, befriedigende Antwort. Er erfährt zwar, daß der „wahre" Prophet immer oder meistens Unheil, der „falsche" hingegen in der Regel Glück kündet. Dadurch erfährt er jedoch nur ein Merkmal, wenn auch ein sehr wichtiges Merkmal des Gegensatzes, nicht aber dessen Begriff, nicht das Wesen, das jenes Merkmal zur notwendigen Folge hat. Auch nicht dadurch, daß der Autor versichert, der „falsche" könne deshalb nicht Unglück verkünden, weil er dazu eine „eherne Mauer" von unbesiegbarer, unbeugsamer Überzeugung, weil er mit einem Worte dazu ein „wahrer" Prophet sein müßte. Mit diesem Hysteronproteron läßt sich nichts anfangen. Mir scheint schon die Art der Fragestellung, schon die Terminologie trotz der mitunter angebrachten Ausführungszeichen unglücklich ge* wählt, ja irreführend. Warum denn „wahr" und „falsch"? Warum muß Amazia ein „falscher" sein, wenn Arnos ein „wahrer" Prophet ist? Warum Hanannja ein „falscher", wenn er dem Jeremia gegenübersteht? Alles, was Auerbach als Charakteristikon der „wahren" Propheten ausfindig macht, die ethisch bedingte Prophezeiung, die Auffassung des Weltgeschehens als kausale Aufeinanderfolge von Gehorsam und Lohn oder Widerspenstigkeit und Strafe, die Betonung des sozial-sittlichen Handelns, die „dauernde" Grundstimmung, die „Erleuchtung des Augenblicks", ja selbst die Barmherzigkeit und die Liebe —das alles läßt sich auch bei den „falschen" denken und mitunter sogar wirklich wahrnehmen. Und doch bleiben sie von jenen durch eine unüberbrückbare Kluft getrennt und muß jede Partei die andere als die „falsche" bezeichnen, ohne daß es eine von ihnen wirklich zu sein braucht. Die Erkenntnis dieser Erscheinung bleibt allerdings so lange erschwert, solange man in ihr ein einzigartiges, eigentümlich jüdisches Phänomen in der Zeit etwa von Arnos bis Deutero-Jesaja erblickt. Aber das eben ist durchaus nicht der Fall. In Wirklichkeit kehrt dieses „Phänomen" immer und überall da wieder, wo eine starke Religiosität, d, h. eine ihrer selbst bewußte produktive Religion des Menschen der Religion eines Gemeinwesens gegenübersteht. Dabei bleibt es aber völlig irrelevant, was letztere inhaltlich bekennt, was sie für einen Gott verkündet, was sie fordert und anstrebt. Allein die Tatsache, daß sie die soziale und als solche immer begrenzte, politisch, staatlich, national oder kultisch beschränkte Einheit zur Basis ihrer wenn auch noch so erhabenen religiösen Gebote und zum Kriterium ihrer noch so geläuterten Sittlichkeit macht — aliein diese Tatsache ist es, die den Gegensatz zwischen ihren Vertretern und denen der Religiosität bildet. Es ist daher meiner Überzeugung nach nicht richtig, daß dieser Gegensatz, wie Auerbach meint, bloß ein solcher des Grades sei und nicht vielmehr eben ein solcher der Art, ja des Wesens. Von Religion zu Religiosität führt keine Brücke, gibt es keinen Übergang, Es ist ferner nicht richtig, daß, wie Auerbach konsequent bleibend glaubt, der Priester sich dem Propheten fügen und unterordnen kann: wo er es scheinbar tut, da widerspricht er dem Wesen des Propheten noch greller als in den Fällen, wo er sich ihm mit Schwert und Verdammungsurteil widersetzt. Gewiß: der „nationale Mensch" ist auch dem Propheten ein Mensch; ja, er kann sogar selbst ein „nationaler Mensch" sein. Er kann mit den zärtlichsten Worten der Liebe und der Hingabe sein Volk trösten, dessen Leiden ganz besonders empfinden, es für „auserwählt" und unzerstörbar halten. Handelt es sich aber um Sachen der Religion, dann kennt der „wahre" Prophet keine nationalen Schranken. Der „nationale Gott" bleibt ihm immer ein Götze. Die nationale „thora" immer Machwerk, '„Lüge". Nicht ist für das Tun der Propheten, wie der ewig wiederkehrenden Verkünder der Religiosität überhaupt, charakteristisch, daß sie nur betonen, „was Gott vom Menschen fordert" — das tun die „falschen" und die Priester erst recht. Sondern: daß dieser Gott nichts für sich und alles für den Menschen fordert rrdaran zeigt sich der Kern des unausgleichbaren Gegen-