Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 5 (1920-1921)
- Issue
- Heft 8-9
- Article
- Religionswissenschaft
- Date
- 1920-01-01
- Page
- 551 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Umschau: Religionswissenschaft man von der subtilen Empfindungsart des Verfassers, seiner feinen psychologischen Beobachtungsweise und vor allem seinem persönlichen Ethos merkt/desto mehr bedauert man es, daß all dieses bloß zwischen den Zeilen steht, während diese selbst eine ermüdende, schwerfällige, durchaus, nicht einleuchtende „wissenschaftliche1' Auseinandersetzung bieten, wenn uns auch der Autor versichert, daß ihm „nicht der philologische Gesichtspunkt, sondern der psychologische, der religionsgeschichtliche und der religionsphilosophische der leitende war". Was Jeremia ist, was er über Gott und Sittlichkeit denkt, was er lehrt und anstrebt, wie er zu seinem Volke steht, und wie er sich zu den anderen Propheten verhält —- darüber besitzen wir viele, viel zu viele Bücher und haben kaum ein Verlangen nach neuen. Aber, was Jeremia uns ist, was er uns sein und werden kann, wie er unmittelbar aul uns wirkt, was sein Mythus, sein ungedeutetes Sein und sein wuchtiges Urwort in uns auslöst — darüber wurden wir bis jetzt nur selten belehrt und verlangen doch davon möglichst viel. Es ist daher zu befürchten, daß es dem Leser mit dem Buche von Auerbach ergehen wird, wie ihm selbst, und zwar aus durchaus berechtigten Gründen, mit dem von Hölscher ergangen ist: er „wird es enttäuscht wieder aus der Hand legen". Nur mit großer Geduld und von Haus aus mitgebrachter Liebe für den Gegenstand vermag man das Buch ganz zu verfolgen. Dann erkennt man allerdings, daß es, wenn schon nicht in der methodischen Begründung und systematischen Durchführung, so doch in der Art der Problemstellung durchaus auf der Höhe der Zeit steht und in dieser Hinsicht immerhin einem weiteren Leserkreis mit gutem Gewissen wärmstens empfohlen werden kann. Aus dem Menschen Jeremia heraus sucht Auerbach den Propheten Jeremia und die ganze Erscheinung der klassischen Prophetie zu verstehen. Er ist überzeugt, daß diese Erscheinung mit dem Bereiche des Widernatürlichen und Übermenschlichen, mit pathologischer Halluzination und übersinnlicher Magie nichts zu tun hat. Alles Anormale und Abenteuerliche, alles Wundertätige und Orakelhafte, alle Mantik, alle Glossolalie eines Geist gewordenen Fleisches oder Fleisch gewordenen Geistes laufe dem Wesen der Propheten grundsätzlich zuwider, an denen nichts anderes als der Mensch in seiner wirklichen Eigenart und Größe, das „wahrhaft Menschliche in höchster Steigerung" hervortrete* Ja, nicht einmal das Merkmal des Wahrsagens und Prophezeiens läßt Auerbach als solches 4er „wahren" Propheten gelten. In höchst dankenswerter Weise hat er sich (S, 57 ff.) die Mühe genommen, nachzuweisen, daß die meisten Vorhersagungen Jeremias nicht eingetroffen sind, daß bei vielen gerade das Gegenteil erfüllt worden ist, daß es vielmehr gar nicht im Wesen und in der Absicht des Jeremia gelegen sei, nach Art der „Zauberer" und „Seher" zukünftige Ereignisse kategorisch vorherzubestimmen. Sonst wären ja alle Versuche, ihn zu verstehen, von vornherein vergeblich. Vielmehr will Auerbach vom Menschen ausgehen, vom Menschen als dem Träger der prophetischen oder, was dem Autor hoffentlich identisch ist, der religiösen Inspiration, um „zu ihrem Wesen von ihren Äußerungen her vorzudringen".. Das ist zeitgemäß. Zweifellos. Diese Formulierung des Problems verrät, vielleicht ohne direkte Absicht des Verfassers, das Niveau der religionswissenschaftlichen Bestrebungen seiner Zeit. Sie markiert den Weg, den die Religionsforschung hat zurücklegen müssen, um sich von aller Anthropologie sowohl wie von aller Theologie, zu befreien und über die Mystik und die sogenannte Religionsphilosophie hinweg zu der Forderung nach einer Wissenschaft von der Religion zu gelangen, die nichts anderes als die Wissenschaft vom Menschen sein soll, die Wissenschaft vom Menschen als religiösem Wesen. Jedenfalls zeigt die Auerbachsche Problemstellung ganz deutlich, wie sehr die Auffassung eines Zeitalters überwunden werden muß, das in der Religion ein Privileg besonders begabter und begnadeter Naturen erblickte, jedes Phänomen der Religion für sich, isoliert und daher als einmaliges, einzigartiges, gleichsam vom Himmel gefallenes betrachtete und die psychologischen wie die historischen Vorgänge des religiösen Lebens so ansah, wie wenn sie transzendente, unberechenbare, über- und widernatürliche Erscheinungen wären. Das ist eine jener negativen Errungenschaften der modernen Religionswissenschaft, die sicher zu ihren fruchtbarsten und bedeutsamsten gehören: daß sie das Problem der Religion lediglich als Problem des Menschen formuliert, mit allen Einschränkungen, aber auch allen Erweiterungen dieses Wortes; daß sie weder die Primitiven und die Wilden, noch diese oder jene bestimmte Überlieferung, noch die Erlebnisse und Visionen eines besonders heiligen und frommen Gemüts, noch Gott, Engel, Jenseits — sondern nichts mehr, aber auch nichts weniger als den Menschen im Zeichen des Problems der Religion betrachtet und ihn zu ihrem ausschließlichen Gegenstand erhebt Es wird vielleicht manchem Leser der Auerbachschen „Prophetie" gezwungen vorkommen, daß ihr hier diese Einstellung zum Problem der Religion nachgesagt wird. Möglicherweise wird 36*