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Der Jude · 1920-01-01 · Heft 8-9 · p. 550

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Jude
Volume
5 (1920-1921)
Issue
Heft 8-9
Article
Religionswissenschaft
Date
1920-01-01
Page
550 (sequence 4)
Language
German
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Umschau: Religionswissenschaft ^Allerdings: Cohens Werk, ist ein Kapitel für sich und läßt sich im Rahmen einer gedrängten Umschau nicht einmal charakterisieren, geschweige denn erschöpfend würdigen. Das soll auch eigens in einem der nächsten Hefte des „Juden" vielleicht versucht werden. Vom objektiven Wert des Buches ganz abgesehen, wäre es ein Unrecht gegen die symbolische und geschichtliche Persönlichkeit Cohens, die er nun einmal geworden ist und die in diesem Volke mehr denn anderswo mit all ihrer elementaren Eigenart sich auslebt, es bloß vom Standpunkt seiner religionswissenschaftlichen Bedeutung aus zu betrachten. Es ist, wenn man so sagen darf, das Cohenscheste Werk des Marburger Philosophen. Er hat vielleicht nirgends die Verschmelzung seines eigenkräftig erarbeiteten, errungenen Hellenismus mit seinem spontanen, urwüchsigen Judaismus zu solcher Vollendung gebracht, jedenfalls nirgends diese Verschmelzung sehnlicher, zielbewußter angestrebt. Ein gigantisches Ringen zwischen gegebener ursprünglicher Religiosität und methodologisch reflektierender, zum „System'* drängender „Religion der-Vernunft" entfaltet sich vor uns in diesem Buche. Erlebtes, Intimstes soll hier dialektisch begründet werden; erreicht wird mindestens das Gegenteil: diese Dialektik wird zum Erlebnis. Ein merkwürdiges Alterswerk dies, in dem die Jugend des Menschen, diese liturgisch durchtränkte Jugend den fast unheimlichen Ernst des Mannes immer wieder durchbricht und trotz aller „Systematik" die Situation beherrscht; Ein ewig jung gebliebenes Gemüt ist liier am Werk, um es bei der Begründung der Religion als „Religion der Vernunft" nicht bewenden zu lassen, sondern sie noch überdies aus den Quellen des . „Judentums" herauszuschöpfen. Diese „Quellen" dürfen auch nicht historisch, philologisch oder irgendwie kritisch geprüft werden — das Buch würde dann den Leser weniger verwirren. Diese Sprüche aus Bibel und Liturgie, aus Agada, Evangelium und Maimonides sind — Jugendreminiszenzen, sind die intime, vertraute Sprache des Gemüts. Eine Persönlichkeit wie Hermann Cohen hat sich auch nicht um Quellen zu kümmern.- Sie schafft aus sich selbst heraus — eigene Wahrheiten. Und stünde ihm auch der ganze moderne kritische Quellenapparat zur Verfügung, er würde ihn doch mit eigenen Augen ansehen, nur Eigenes aus ihm schöpfen. Man nehme daher die „Quellen" nicht allzu wörtlich, nicht ailzu genau. Man betrachte sie vielmehr als Ausdrucksmittel einer gesteigerten Feierlichkeit, als-die um eigene, lapidarische Worte ringende Sprache eines religiösen Pathos. „Ich schreibe meinen Moreh", sagte Cohen oft im Hinblick auf dieses Werk. Nun, sein Moreh wurde es auf aHe Fälle. Es soll aber, wie gesagt, noch eigens zu Worte kommen, III. Nicht so kompliziert, aber auch nicht so durchsichtig ist das Ineinanderwirken von religiöser Unbefangenheit und reflektierender Konstruktion bei den anderen Autoren. So vor allem bei Auerbach, der indessen der Eigenart Cohens — bewußt oder unbewußt — am nächsten zu stehen scheint. Einer Eigenart, bei der ein disziplinierter, geschulter Intellekt die starke Gemütsbewegung wohl dämpfen, doch nicht ganz niederhalten kann und „Wissenschaft" noch zu bieten vermeint, wo er bereits an den Glauben appelliert. Eine Frucht seelischer Not ist dieses Buch Auerbachs. In der zweifellos höchsten Pein, die eine empfindende Religiosität jemals zu erdulden hatte: im Weltkrieg, seelisch und körperlich von ihm absorbiert, griff Auerbach nach der Bibel. Und mit jener selbsterhaltenden Instinktsicherheit, die nur der Not eigen ist, fand er sich bald zu den hilfreichen Heroen durch, um deretwillen sie zum „Buch der Bücher" geworden ist, zu den Propheten, ja zu ihrem vollendetsten und umfassendsten Vertreter, zu Jeremia. Wie vielen verzweifelt Suchenden und zutiefst Bedrängten wurde nach ihrem eigenen Zeugnis dieser Name zum rettenden Talisman. Wie oft hören wir gerade in den letzten Jahren, daß das Buch, das diesen Namen trägt, eine Re^ generation, eine Erlösung berge für alle, die es erfassen und in sich aufnehmen. Was mag nun dieses knappe, zweieinhalb Jahrtausende alte Buch in sich enthalten? Was gibt es dem Suchenden? Wie wirkt es auf den Menschen des zwanzigsten Jahrhunderts? Wie und wodurch konnte es den wahrhaft furchtbaren Erschütterungen eines durch den Weltkrieg gepeinigten Kulturbewußtseins abhelfen? Auerbach will uns das alles sagen und hätte es uns sicherlich sagen können, wenn er es nur versucht hätte, aber er hat es vorgezogen, ein Buch über „Die Prophetie" zu schreiben*). Ist das nicht schade? Hat uns nicht Auerbach um ein einzigartiges, unwiederholbares Jeremia- Erlebnis gebracht, indem er, statt uns zu sagen, was das Buch ihm gegeben und geworden, die Zahl der vielen, mehr oder weniger einander ähnlichen und mehr oder weniger belanglosen Jeremia-Monographien um eine vermehrt hat? Diese Befürchtung, die sich schon beim Lesen der „Einleitung" einstellt, wird bei fortschreitender Lektüre leider zur bangen Gewißheit Je. weiter man in dem Buche liest, je mehr *> Dr. Elias Auerbach, DieProphetfe. Jüdischer Verlag, Berlin.

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