Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 5 (1920-1921)
- Issue
- Heft 8-9
- Article
- Religionswissenschaft
- Date
- 1920-01-01
- Page
- 549 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 98% known words query
- IRI
…/3101111-3101163-3101171-3105925--4479-3106060- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Umschau; Religionswissenschaft 549 Orientierung über das Problem , der Religion gelingt, aber es ist höchste Zeit, daß er unternommen wird. Höchste Zeit vor allem innerhalb des Judentums. Darauf soll schon jetzt und später noch in einem andern Zusammenhang hingewiesen werden. Das Judentum hat an einer allgemeinen religiösen Aufklärung größtes Interesse. Wie immer man darüber denkt, wie verschieden man es begründen und deuten mag, Tatsache ist's, 4daß das Judentum vor allem und katexoehen das Volk der Religion war. Nicht nur in dem Sinne, daß die ganze Breite seiner Kultur von Gesetz und Kultus beherrscht wird, was ja auch von den anderen semitischen Völkern mehr oder weniger zutrifft, sondern speziell in dem Sinne, daß in jeder Epoche seiner langen vor- und nachexilischen Geschichte Männer an seiner Spitze stehen, die in einer auch für die allgemeine Kultur entscheidenden Weise an der Vertiefung und Ergründung jener subjektiven Potenz des menschlichen Innenlebens gearbeitet haben, die man Religiosität nennt. Wie das klassische Griechentum mit Recht für sich in Anspruch nehmen darf, den Grundstein zur systematischen Philosophie aller Zeiten gelegt zu haben, ohne daß dadurch die systematische Philosophie spezifisch griechischen Charakters ist, so hat das Judentum einen grundlegenden Anteil an der Geschichte der Religiosität, die zwar als solche duchaus nicht spezifisch jüdischen, sondern vielmehr durch und durch menschlichen Ursprungs ist, die aber nichtsdestoweniger zum Charakteristiken des wahrhaft jüdischen Geistes, zum Schicksal seines Wesens geworden ist. Wenn es besondere nationale Eigenschaften und Begabungen gibt, so ist die des Judentums die Religiosität, vielleicht in einem noch höheren Maße als die Religion. Man kann vom Judentum alle nationalen Merkmale wegdenken, das sprachliche, daspolitische, das staatliche, das territoriale, ja selbst das konfessionelle, nur nicht das religiöse. Nehmet dem geschichtlichen Begriff des Judentums den religiösen Inhalt und ihr beraubt ihn seines Wesensmerkmals, ihr hebt ihn auf. Darin besteht das Interesse des Judentums an der Klärung des Religiösen überhaupt. Ein Verständnis des geistigen, schöpferischen, kulturgeschichtlichen Judentums ist ohne ein Verständnis des Problems der Religion nicht möglich. Umgekehrt ist die Wissenschaft vom Judentum einer der wichtigsten Grundsteine, auf die sich die historisch-komparative Religionswissenschaft aufbaut. Das allgemein zunehmende Interesse für Bibel und Talmud entspringt "meines Erachtens eher einem religiösen als einem nationalen Bedürfnis, wobei freilich „religiös0 und „theologisch" hier besonders streng auseinanderzuhalten Heft 8/9. sind. Es gehört vielleicht vielmehr in das Gebiet jener schon erwähnten Symptome, von denen die Zeit durchtränkt ist. Sicher ist, daß eine Klärung des Judentums und die des Problems der Religion korrelativ voneinander abhängen. Es ist kein Zufall, daß die Religionswissenschaft erst nach der Erschließung des semitischen Orients, insbesondere aber der Quellen des Judentums im weitesten Sinne des Wortes eine eigene selbständige Disziplin mit eigenen wissenschaftlichen Methoden geworden ist, während sie bis dahin eigentlich eine Afterwissenschaft war, bald der Theologie, bald der Metaphysik, bald der Mystik, eine mehr oder weniger poetische Betrachtung von durchaus unverbindlichem, wissenschaftlich nichtqualifizierbaremCharakter. II. Uns liegen vier Neuerscheinungen vor, die alle — zufällig? — mit beiden Problemen, mit dem der Religion und dem des Judentums, aufs engste verwachsen sind. Man glaube aber nicht, daß sie von vier Autoren herrühren, die auch sonst einer gemeinsamen Interessensphäre angehören oder auf ungefähr demselben Wissensgebiete sich bewegen. Etwas Divergierenderes als die Geisteszentren dieser Autoren läßt sich wohl kaum denken: Hermann Cohen, Auerbach, Fromer, Herford. Von den auseinanderliegendsten Gesichtspunkten aus, die verschiedensten Betrachtungsweisen vertretend, setzen sich diese Männer mit dem Problem der Religion im weiteren Sinne dieses Wortes auseinander, indem sie zur Basis ihrer Erwägungen das Geisteswesen des geschichtlichen Judentums machen. Cohens Werk heißt geradezu: „Die Religion der Vernunft aus den Quellen des Judentums1 '•). So oder ähnlich hätte jedes der zu betrachtenden Werke betitelt sein können, zu so grundverschiedenen Ergebnissen sie auch gelangen. Wenn kein noch so individuelles Werk entstehen kann ohne den Impuls des jeweiligen sozialen und geistigen Milieus seines Autors, d. h. ohne dem Gesetz der psychischen Wirkung und Gegenwirkung zu unterliegen, so sind alle vier genannten Werke Reaktionen auf eine und dieselbe Aktion; sie reagieren alle auf ein und dasselbe Symptom, das sich ihnen aus der geistigen Situation unserer Zeit aufgedrängt hat. Daß sie darauf verschieden reagieren, dafür bürgt schon ein Blick auf die Namen ihrer Verfasser. Aber der Stoff, die wirkende Substanz, die Atmosphäre ist bei allen dieselbe: das Problem der Religion aus dem Wesen des Judentums. *) Herausgegeben von der Gesellschaft zur Förderung der Wissenschaft des Judentums. Verlag Gustav Fock, Leipzig. 36