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Der Jude · 1920-01-01 · Heft 8-9 · p. 548

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Jude
Volume
5 (1920-1921)
Issue
Heft 8-9
Article
Religionswissenschaft
Date
1920-01-01
Page
548 (sequence 2)
Language
German
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54* Umschau: Religonswissenschaft weilen sogar selbst widersprechen, aber gerade deshalb die ganze religiöse Problematik aufweisen, in deren Bann sie sich befinden. Werke, wie: Die Brüder Karamasow, Brand, Kim, Ernanuel Quint, Jaakobs Traum und der eben erschienene Kain von Anton Wildgans, pflegen unverfälschte Dokumente ihres religiösen Jahrhunderts zu sein, wichtige, vielleicht die wichtigsten Zeugnisse seiner religiösen Lage und als Objekte der religiösen Forschung weit geeigneter als theologische Traktate und dogmatische Auseinandersetzungen. In dieser verschiedenartigsten Bedeutung des Wortes sollen die literarischen Erscheinungen hier im Zeichen des Problems der Religion betrachtet und in den Dienst der Orientierung über die religiöse Lage gestellt werden. Ob der Versuch in diesem Rahmen gelingen wird, läßt sich schon objektiv, von der Frage der persönlichen Zulänglichkeit ganz abgesehen, nicht im voraus versichern. Aus verschiedenen Gründen nicht. Die sachliche und räumliche Einschränkung, die jede populärwissenschaftliche Betrachtung — und erst gar im Rahmen eines Aufsatzes — sich auferlegen muß, kann dem hier angestrebten Versuch zum wesentlichen Hemmnis werden. Gerade in religionswissenschaftlichen Fragen darf nichts vorausgesetzt, nichts leichthin und oberflächlich ausgesprochen werden. Es ist der Vorzug und zugleich das Mißgeschick der Religionswissenschaft — wie ja auch, und zwar aus denselben Gründen, der Philosophie —, daß sich jedermann für sie „interessiert", mit ihren Grundbegriffen irgendwelche Vorstellungen verbindet, daß es also in religiösen Dingen sozusagen keine Laien gibt. Der Mathematiker oder der Botaniker pflegt öfter nicht verstanden als mißverstanden zu werden, bei dem Religionsforscher ist das Umgekehrte der Fall — eine Tatsache, die die Lehre vom Primat der Religion bestätigen mag, die Verständigung über diese jedenfalls erschwert. Während der Differentialbegriff z. B. als entweder bekannt oder unbekannt vorausgesetzt werden darf, sind die Elementarbegriffe der Religionswissenschaft beides: bekannt und unbekannt zugleich. Der Begriff des Monotheismus z. B. ist dem Worte nach den meisten geläufig, der Bedeutung nach den allerwenigsten. Bedenkt man noch dazu, was ein sogenannter Religionsunterricht in der Schule und eine „traditionelle" Erziehung zu Hause an Verwirrung und Konfusion anrichten, so versteht man, welchen Mißverständnissen eine „gemeinverständliche" religionswissenschaftliche Betrachtung von vornherein ausgesetzt ist. Zu diesem immerhin äußeren kommt noch ein inneres Bedenken hinzu. Die Tatsache nämlich, daß die Religionswissenschaft selbst erst in den ersten Stadien einer Wissenschaft sich befindet, daß sie noch mitten in den methodologischen und terminologischen Prolegomena drinsteckt. Über die ersten Versuche, die ein Spencer, ein F. Max Müller, ein Tiele unternommen haben, ist sie in positiver Hinsicht noch nicht weit hinausgekommen. Ihr ganzes Verdienst ist bis j etzt das Negative: Trennungen, Unterscheidungen, Auseinanderhaltungen. Ihre sicheren Ergebnisse liegen in der Fragestellung, in der kritischen Formulierung der Probleme. Und wenn auch freilich gerade in den negativen Leistungen ihre ganze unüberschätzbare Bedeutung zum Ausdruck kommt, so erscheint es dennoch fraglich, ob es schon jetzt an der Zeit sei, diese Leistungen einer allgemeinen Orientierung zugänglich zu machen. Indessen: gewisse Umstände verlangen gebieterisch, den Versuch zu wagen. Trotz aller Bedenken. Es ist vielleicht nicht übertrieben, wenn man das geistige Bild der Gegenwart als solches religiöser Nöte bezeichnet hat. Es mehren sich tatsächlich die Symptome dafür, daß eine Art „religiöser Welle" durch die Welt zieht. Immer häufiger tauchen theosophische Gesellschaften, mystische Veranstaltungen, über- und interkonfessionelle Vereine auf. Weltliche Vorträge religiösen Inhalts sind eine alltägliche Erscheinung geworden. Die Bildung religionswissenschaftlicher Institute steht bereits auf der Tagesordnung der Philosophischen Fakultäten. In den Volkshochschulen sind augenblicklich Kurse über Religionsgeschichte gang und gäbe und werden, wie mir aus einigen Fällen bekannt ist, besonders lebhaft besucht. Die Quäkerbewegung in England und die des bogoiskatetstwo (Gottsucherei) in Rußland haben in den letzten Jahren mit besonderer Rapidität zugenommen und sind noch im Zunehmen begriffen. In allen Ländern Zentraleuropas erscheinen immer häufiger Essays, Romane, Gedichtsammlungen von ausgesprochen religiöser Färbung und dürften den willigen Verlegern nicht gerade Defizit bringen. Es ist, als hätte das religiöse Bedürfnis den Grad des Durstleidens erreicht, bei dem es unwählerisch wird und jedes Getränk willkommen heißt. Es ist, als würde auf die philosophische Revolution des XVIII. und die naturwissenschaftliche des XIX. die religiöse Revolution des XX. Jahrhunderts folgen. Einer solchen Situation tut sachliche Klärung des Religiösen not. Andererseits ist gerade diese Situation für die religionswissenschaftliche Betrachtung von um so größerem Interesse, als sie lebendiges, unmittelbares Anschauungsmaterial liefert. Es mag daher wohl noch nicht an der Zeit sein, daß der Versuch einer Umschau über den Stand der Religionswissenschaft und einer allgemeinen

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